Die drei großen Rätsel der TV-Krimigeschichte

Eine subjektive Rangliste

Über knirschenden Kies steuern die Ermittler ihren Oldtimer die Auffahrt vor der Jahrhundertwende-Villa hinauf, steigen aus dem Wagen und die Freitreppe zum Säulenportal hinauf. Auf ihr Klingeln hin öffnet die Dame des Hauses, angetan mit elegantem Kleid und Pumps, und geleitet die Ermittler in den Salon oder die Bibliothek. An den Wänden ledergebundene Literatur und Kupferstiche.

Alternativ parkt der Oldtimer in einer von faden Einfamilienhäusern gesäumten Vorstadtstraße. Das Ermittlerteam strebt auf das einzige zeitgenössische Haus weit und breit zu — Beton, Glas, großzügige Terrassen — und tritt durch die Gartenpforte aus rostfreiem Stahl. Durch das halboffene Garagentor ist ein Oberklassemodell eines deutschen Autokonzerns auszumachen. Es öffnet die Dame des Hauses in Designerklamotten und Stöckelschuhen und geleitet die Ermittler in die raumhoch verglaste 100 m2-Wohnküche. An den Wänden hängt großformatige moderne Kunst.

Beide dieser unzählige Male gesehenen Szenarien enthalten die drei konstanten Rätsel der TV-Krimigeschichte, die es immer wieder schaffen, mich vom eigentlichen Plot abzulenken.

3.) Häuser

Was wollen uns Drehbuchautoren und Regisseurinnen mit der Auswahl der architektonischen Objekte sagen? Klar, das Böse ist bei den Reichen zu Hause — wie kommen die schließlich zu der Kohle? — und Geld macht nicht glücklich. Das denkt man sich gerne und wünscht den Reichen eine überproportional hohe Dichte von Gewaltverbrechen an den Hals, obwohl die Realität das nicht hergibt. Aber warum wohnen die nie in geschmacklosen postmodernen Villen mit kitschigen Rundbögen und Marmorbädern mit vergoldeten Armaturen wie im wirklichen Leben? Warum müssen sie entweder altmodisch Stil oder modern guten Geschmack haben? In einem architektonisch interessanten Haus zu wohnen kommt im TV-Krimi praktisch einem Schuldeingeständnis gleich. Als Architektin macht mich das traurig.

2.) Autos

Warum fahren TV-Ermittler zu gefühlt 80 % auch im Dienst in Oldtimern durch die Gegend? Ich schwöre, wenn mich jemand in einem vierzig Jahre alten Fiat oder einem kackbraunen Porsche aus dem letzten Jahrtausend verfolgt, dann fällt mir das auf. Warum macht nicht endlich einer der Verdächtigen eine Vollbremsung, steigt aus und erklärt den eben nicht heimlichen Verfolgern, dass das so nichts bringt, weil diese alten Kisten ohne ABS und Traktionskontrolle für rasante Jagden mit modernen Boliden einfach nicht konkurrenzfähig sind?

1.) Schuhe

Das aus meiner Sicht größte aller Krimi-Rätsel: Warum tragen alle Verdächtigen und Zeuginnen daheim immer Schuhe? Und nicht etwa Sneakers, nein, Stöckelschuhe, dazu praktisch immer elegante Straßenkleidung. Soll dargestellt werden, dass sie bereits damit rechnen, jeden Moment verhaftet zu werden? Bauen sie alle Tage ihres Lebens für einen stilvollen Auftritt in der Untersuchungshaft vor? Ist der Kosmetikkoffer auch schon fürs Gefängnis gepackt? Doch selbst dann bliebe Zeit, schnell in die Schuhe zu schlüpfen, bevor der Mantel übergeworfen wird. Warum also trägt in TV-Krimis niemand nur Socken oder Pantoffeln in der eigenen Wohnung? Das Kind spielt im Garten, die Mutter sitzt perfekt geschminkt in Wickelkleid und High Heels auf der Designer-Couch. In welcher Welt? Zieht ihr euch schnell um, wenn es an der Tür klingelt? Habt ihr womöglich stets ein elegantes Outfit an der Garderobe hängen und öffnet selbst der Nachbarin und dem Briefträger niemals barfuß und in Jogginghose?

Ich bin keine Verfechterin von totalem Realismus im Krimi. Ob die Ermittlerin auch mal im Alleingang Verdächtige befragt oder die Dienstwege korrekt abgebildet werden, ist mir gleichgültig, solange die Dramaturgie passt. Was ich jedoch schätze, ist eine gewisse Welthaltigkeit, die den Krimi im Alltäglichen verankert. Doch vielleicht finden Verbrechen ja tatsächlich nur in einer Parallelwelt statt, in der niemand ungeschminkt in Socken die Tür öffnet. Dann könnten wir uns sicher fühlen.

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Tipps von Nichtlesern für Autorinnen

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, kennt ja bereits meinen Steuerberater (Taktvoll und tabellophob). Kürzlich hatte ich wieder einen meiner jährlichen Termine bei ihm.

Ich: Entschuldigen Sie die Verspätung. Chaos bei den Verkehrsbetrieben, irgendein Steuerungsfehler.
StB: Darüber sollten Sie mal ein Buch schreiben!
Ich: Über eine zehnminütige Verspätung? Meinen Sie, das trägt ein ganzes Buch?
StB: Darüber wie Technikversagen das Leben der Menschen beeinflusst.
Ich: Ein beliebtes Thema in der Literatur der letzten Jahrzehnte. Haben Sie darüber nicht auch schon öfter gelesen? (Eine hinterhältige Bemerkung, denn natürlich wusste ich bereits aus früheren Gesprächen:)
StB (schicksalsergeben): Ich selbst lese leider gar nicht. Aber meine Jüngste ist jetzt in der zweiten Klasse und schreibt sogar schon kleine Aufsätze. Was die für Einfälle hat! Das müssten Sie mal lesen!
Ich: Danke, gern! Kann ich mich vielleicht mit ein paar Steuertipps revanchieren? (Leider nur in Gedanken und eine Stunde später)

Zwei Tage später auf einer Punschparty bei Freunden. Das Gespräch dreht sich pikanterweise um unerwünschte Erziehungstipps von Leuten, die selbst keine Kinder haben.

WB (Weitläufiger Bekannter): Darüber solltest du mal ein Buch schreiben!
Ich: Okay.
WB: Das ist echt spannend!
Ich: Vielleicht eher dein Thema. Schreib du doch drüber.
WB: Ich hab dafür keine Zeit.
Ich: Aber lesen würdest du es?
WB: Eher nicht. Ich weiß das ja schon. Und zum Lesen fehlt mir auch die Zeit.

Wenig später.
WB: Der Banause hat sich mit dem Kakao-Schöpfer den Glühwein eingefüllt. Schweinerei.
Ich: Darüber sollte ich mal ein Buch schreiben.

Andere Gelegenheit.

Ich: Du drückst dich in deinen Mails immer so lustig altertümlich aus.
AF (Alter Freund): Wenn dir das gefällt, dann habe ich bald was Interessantes für dich. Ich schreib da nämlich an was.
Ich: Worum geht’s denn in deinem Werk?
AF: Meine Erfahrungen und Erlebnisse. Dreißig Seiten habe ich schon. Du kümmerst dich um den Verlag und als Ghostwriter um den Rest, dafür kriegst du 10 Prozent von den Tantiemen.
Ich: Klingt vielversprechend, aber … (erkläre kurz die Gesetzmäßigkeiten der Branche)
AF: Wenn es interessant ist, dann wollen die Leute das auch lesen. Die lesen doch auch sonst jeden Scheiß.
Ich: Würdest du es lesen wollen, wenn es nicht von dir handeln würde?
AF (irritiert): Ich lese eigentlich nie. Und wenn doch, dann nur Fachbücher.

Jede Autorin und jeder Autor kennt derartige Gespräche und nicht immer können wir darüber lachen. An schlechten Tagen verkrampfen sich unsere Kiefer und wir wenden uns zähneknirschend ohne ein weiteres Wort einem anderen Gesprächspartner zu. Von den Gewaltphantasien an noch schlechteren Tagen schweige ich lieber. Schlimm genug, wenn Leserinnen glauben, es mangelte uns an Einfällen. Noch schlimmer, dass jene, die wissen, welche Bücher dringend geschrieben werden müssten, sehr häufig Nichtleser sind. Auf der Suche nach einer entwaffnenden Reaktion frage ich mich, ob sich da nicht eine Marktlücke auftut.

AE (ahnungsloser Experte): Darüber sollten Sie mal schreiben!
Ich: Würden Sie es denn lesen?
AE: Bedaure, ich lese nie.
Ich: Was für ein Zufall! Mein letztes Buch ist das Buch für den Nichtleser. Ich verspreche Ihnen: Wenn Sie es lesen, wird es Ihr Leben bereichern.
AE: Wie gesagt: ich lese eigentlich nicht.
Ich: Genau darum sind Sie ja die Zielgruppe für mein Buch, ein absolutes Must-have für Nichtleser!

Noch nicht ganz ausgereift vielleicht, aber doch ein Schritt in die richtige Richtung, oder?

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Ich bin halt eine Emanze

Ich freue mich und fühle mich durchaus auch geehrt, ab jetzt mit den großartigen Kolleginnen der Plattform HERLAND für das Gute,Wahre und vor allem Weibliche in der Literatur mitstreiten zu dürfen.

Herland

05_16_GL2s_sw1von Gudrun Lerchbaum

Ich war neun, als ich mit zwei Freundinnen über den Zaun der Kirchwiese kletterte, wo eine Gruppe von Jungs zwischen den Kirschbäumen Fußball spielte.

„Wir wollen mitspielen!“, schrie ich.

Die Jungs sammelten sich und kamen in V-Formation auf uns zu. „Haut ab! Mädchen spielen nicht Fußball!“

„Ab jetzt schon“, sagte ich, schlug dem Anführer den Ball aus der Hand und kickte ihn zu einer meiner Freundinnen, die ihn vom Boden aufhob und dem Jungen zurückwarf.

„Blöde Emanze!“, schimpfte der.

Sie nahmen ihr Spiel wieder auf, ohne uns, und wir gingen lustlos zum Spielplatz, wo mich meine Freundin zu überzeugen versuchte, dass sie mich nicht verraten, sondern beschützt hatte.

fuß

Etwas hatte sich trotzdem verändert. Ich war jetzt eine Emanze und was auch immer das sein mochte, es gestattete mir, angebliche Jungssachen zu tun. Zwar war ich vom Fußballspiel weiterhin exemplarisch ausgeschlossen, doch beim Floßbauen auf dem Mississippi (=Froschtümpel)…

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Ich. Spinne.

Heute morgen unter der Dusche. Ein haarig schwarzes Spinnenbein, mindestens fünf Zentimeter lang, tastet sich aus dem Abfluss, gleich darauf ein zweites. Kreischen ist überflüssig, da mein Mann bereits auf dem Weg ins Büro ist. Das nächste und übernächste Bein macht deutlich, dass sich das Vieh nicht vom heißen Wasser hinunterspülen lassen wird. Die restlichen Beine und ein Leib mit dem Durchmesser einer Zwei-Euro-Münze zwängen sich aus dem Loch in die Duschtasse. Ich springe aus der Dusche, ohne das Wasser abzudrehen, schließe klappernd die Schiebetür hinter mir.

Was tun? Wenn der Wasserstrahl nicht wirkt, wird wohl auch der Staubsauger versagen, überlege ich, während ich mich hastig abtrockne. Angesichts der Größe muss es sich wohl um ein eingeschlepptes Tropentier handeln, das in den dampfenden Abwasserkanälen einen neuen Lebensraum erobert hat. Dort hätte es gerne bleiben können. Ich beschließe, mir Hilfe vom Tropeninstitut zu holen. Sollen die doch sehen, wie sie das Vieh aus meiner Dusche holen. Damit es dort bleibt, muss ein Gehege her. In ein Badetuch gewickelt renne ich in die Küche, greife mir eine gläserne Salatschüssel, die ich über die Spinne stülpen will, um ihren Bewegungsspielraum einzuengen.

Zurück im Bad graust es mich dann wirklich: Zwei weitere Riesenspinnen sind inzwischen aus dem Abfluss gekrochen, erkunden die Dusche, unbeeindruckt vom fließenden Wasser. Eine hat es bereits bis auf die Wandfliesen geschafft. Und die nächsten Beine tasten schon aus dem Rohr. Höre ich da ein Rascheln von unten wie von hunderten Spinnenbeinen?

Und das alles nur, weil gestern der Abfluss verlegt war. Phantasie kann auch nerven, denke ich, während ich mir das Shampoo aus den Haaren spüle. Wenn ich die Augen wieder öffne, wird da keine Spinne sein. Oder?

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Kälteeinbruch

Ein relativ dunkelhäutiger, korpulenter Mann, ordentlich gekleidet, steht auf der Straße vor unserem Haus in der Sonne, den Blick auf den fünfstöckigen Wohnbau gegenüber gerichtet, und raucht. Als ich nach einer halben Stunde zurückkomme, steht er immer noch da, liest jetzt.

Ich: Kann ich Ihnen helfen? Warten Sie auf jemanden?
Er: Bitte! Nicht böse, nicht schlecht, bitte! Warte auf Kinder (Er deutet auf das Haus gegenüber) Spielen dort mit Freundin. Abholen, bald. Bitte, nicht Polizei!
Ich: Selbstverständlich nicht! Ich wollte nur wissen, ob ich Ihnen helfen kann.
Er: Bitte! Wollen Ausweis sehen? (Er kramt in seiner Tasche, zieht die Brieftasche heraus.)
Ich: Nein! Ich bin doch nicht die Polizei. Passt schon, alles gut. (Ich öffne das Haustor.)
Er: Nicht Polizei, bitte!
Ich: Keine Polizei, alles in Ordnung.

Die Haustür fällt zu, öffnet sich jedoch gleich darauf wieder. Eine Nachbarin, Akademikerin, Universitätsangestellte, kommt herein, bepackt mit Einkäufen, wirkt aufgeregt.

Ich: Hallo, lang nicht gesehen.
Sie: Hast du eine unliebsame Begegnung gehabt da draußen? Soll ich die Polizei rufen?
Ich: Nein! Ich habe den Herrn nur gefragt, ob ich ihm helfen kann. Er tut doch nichts, steht da nur.
Sie: Das weiß man nicht. Da muss man vorsichtig sein. Die spionieren das Haus aus oder so.
Ich: Er wartet, bis er seine Kinder vom Spielen abholen kann. Vielleicht lohnt es sich nicht, zwischendurch heimzufahren.
Sie: Oder er will sie entführen. Wir müssen aufeinander aufpassen. Finde ich gut, dass du gleich einschreitest.
Ich: Ich bin nicht eingeschritten. Ich wollte freundlich sein.
Sie (schaut mich an, als hätte ich einen Witz gemacht, den sie nicht ganz versteht, dann mitleidiges Lächeln): Die Zeiten haben sich geändert.

Als die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, fröstelt mich.

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For those who dare to enter – contemporary Noir and women

Ich liebe es, etwas zum ersten Mal zu machen. Je älter man wird, desto seltener kommt das naturgemäß vor. Heute gleich zwei Premieren in einer: Mein erster original auf Englisch verfasster journalistischer Artikel und meine erste Publikation in einem britischen Medium, dem E-Zine Mystery People – for writers and readers of mystery. In Kooperation mit der Autorinnenvereinigung Mörderische Schwestern gibt es dort allmonatlich Neuigkeiten aus dem deutschsprachigen Raum.

(Besser lesen lässt sich der Text unterhalb der Abbildung)

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“… noir stories are bleak, existential, alienated, pessimistic tales about losers–people who are so morally challenged that they cannot help but bring about their own ruin.” Otto Penzler in his preface to “Best American Noir of the Century”.

Usually Noir fiction is set in big cities, exploring the dark alleys of our society, revealing the abyss full of violence, injustice and fear that looms in the shadows of our way of life. Crime works as a symptom for the derangements of the system. The word noir (black) implies a menacing atmosphere and doesn’t provide white as a contrast. It shades black into an endless variety of greys. Good and bad are intertwined in every character. Even if a story arrives at a happy ending for the protagonist or at the solution of a crime, this outcome is spoiled by the fact that the underlying conditions, which instigate the plot, remain unchanged. Noir, you might say, is literature for those who dare to enter the rooms barely visible through the cracks in the facades society has put up.

In the last years marketing departments of publishing companies have rediscovered Noir as a means of promoting, a label to indicate sophistication, states Sonja Hartl, journalist with expertise in noir literature. “They invented categories like Nordic Noir and Domestic Noir, the inflationary use of the term foiling the purpose to convey quality.

As implied Domestic Noir is set up in private surroundings rather than on the mean streets of the city. Written by women it features female protagonists thus filling a gap in the world of traditional Noir with its hardboiled male detectives. The stories evolve around the dangers lurking in personal relationships and, sadly, the titles often qualify grown women as girls. Reducing women to girls and to the role they play in the domestic sphere and inside a heterosexual relationship, denying them a wider social impact, is conservative and reactionary, claims Hartl. So, despite their dark atmosphere and broken heroines, domestic Noir lacks the sceptical approach toward social conditions that defines Noir.

But, strange as it seems, this very flaw emphasizes one of the dubious mechanisms of the publishing world. Female authors still have a hard time selling novels in which female protagonist demand their share of impact on social and political structures. As a literary agent put it: “This is men’s stuff. I cannot sell this with a female protagonist, written by a woman.

Nowadays a lot of female writers defy this unwritten rule and send out unconventional or deranged female characters to explore the fringes of society while trying to keep a grip on the tasks of female everyday life. Twelve of these daring woman, including me, provided short-stories for an anthology soon to be published in English by Weyward Sisters Publishing, South Carolina. “Like art, love, and pornography, noir is hard to define, but you know it when you see it.” Otto Penzler states in the preface mentioned above. Check out, if you find the noir feeling in The human heart: Short Crime & Noir Fiction by Women Authors in Germany, Austria and Switzerland.

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Krimis machen 3 – so war’s für mich

KM3

In der letzten geselligen Pause des dreitägigen Kongresses Krimis machen 3 in Hamburg stehen wir mit unseren Kaffeebechern vor den Toren der Zinnschmelze und erwarten gespannt den letzten Punkt der Tagesordnung: das Resumé. Nach vier Podien, zwei bis sechs Workshops, mehreren Abendveranstaltungen und ausführlichen Diskussionen in den Pausen sind wir vollgestopft bis zum Überquellen mit Anregungen, Fragen und Inspiration zu den unterschiedlichsten Themen, gleichzeitig angenehm betäubt von der Vielfalt der Zutaten, die gerade dabei sind, sich in unseren Köpfen zu einem harmonischen Ganzen zu verquirlen, Long Island Ice Tea im Hirn.

Das heiß ersehnte Minzblättchen, das zur leichteren Verdauung der Melange hätte beitragen können, versagt uns Else Laudan in ihrer Verabschiedung dann allerdings mit der Forderung, es möge doch jeder sein eigenes Resumé ziehen. Nachdem der Kongresskater abgeflaut ist, will ich vorerst meine wichtigsten Eindrücke für mich und euch zusammenfassen. Diese Tagung wird jedenfalls nachwirken, sowohl inhaltlich als auch aufgrund der vielfältigen Kontakte und der allgemeinen Bereitschaft, sich miteinander auseinanderzusetzen (eine Wortkombi, die schon alles sagt, über die befruchtende Mischung aus Kontroverse und Harmonie).

Bereits die Beschreibung der Veranstaltung machte deutlich, was immer wieder zu hören war: Wir sind arthouse. Um die Entwicklung der Kriminalliteratur und ihre gesellschaftliches Relevanz sollte es gehen. Einen generellen Trend, in welche Richtung sich der Krimi in all seinen unterschiedlichen Ausprägungen entwickeln soll oder wird, kann ich demzufolge auch nicht ausmachen.

Dennoch kristallisieren sich einige Ansatzpunkte heraus, die jeder Art von Literatur gut täten. Herausgreifen möchte ich hier zum Ersten die Bedeutung des Raumes, der nicht gleichbedeutend mit dem Schauplatz zu sehen ist. Der Raum, in dem wir unsere Handlung ansetzen, gebiert Figuren, definiert Tempo und Rhythmus, kann politisch gefüllt werden, zur Verwirrung und Entfremdung durch Ortswechsel oder zur Beheimatung führen. Er kann unkonventionell durch Klänge, Farben oder Bewegung definiert werden und sogar als Protagonist in den Vordergrund rücken. Dieses Potential verschenkt, wer ihn als reine Kulisse betrachtet.

Die zweite Anregung, mit der jeder auch in vermeintlich unpolitischem Kontext zur Verbesserung der Welt (jaja, romantisch) beitragen kann: Das Hinterfragen von Klischees, Stereotypen, traditionellen Reflexen, die uns zwar alle prägen, unsere Welt jedoch nicht mehr so abbilden, wie sie ist, schon gar nicht, wie sie werden sollte. Auch die Ärztin und der Krankenpfleger helfen Patienten und ein Richter muss nicht weiß sein.

Die Macht des Klischees und der Wunsch sie zu brechen

Damit komme ich zu dem Thema, das sich aus meiner Sicht durch alle Ebenen der Tagung zog: Die Macht des Klischees und der – nicht immer von allen geteilte – Wunsch sie zu brechen. Gleich drei der von mir besuchten Veranstaltungen widmeten sich aus unterschiedlichen Blickpunkten dieser Problematik: Die von den HERLAND-Autorinnen Zoë Beck, Simone Buchholz, Monika Geier und Doris Gercke bestrittene Lesung unter Moderation von Else Laudan am Freitagabend mit dem Titel Die Welt wahr(!)nehmen . Ganzheitlicher Realismus im Kriminalroman. Das Podium II . Bitch oder Bastard und Podium IV . Das >Eigene< und das >Fremde<.

Launig schildert in der letztgenannten Podiumsdiskussion der Schauspieler Murali Perumal seinen Kampf um hautfarbenunabhängige Rollen. Als Deutscher mit indischem Vater scheint er abonniert auf die klischeegerechte Darstellung von Taxifahrern, Mafiosi und Flüchtlingen, ganz gleich welchem fernen Land sie entstammen, scheitert jedoch daran, beispielsweise als deutscher Staatsanwalt besetzt zu werden, und dies obwohl es in Deutschland eine eigene Vereinigung indischer Juristen gibt. Die Abbildung der Realität wird dabei gerne mit dem Argument verweigert, Deutschland sei noch nicht so weit. Auch die Autorin und Filmemacherin Merle Kröger, gebürtige Schleswig-Holsteinerin, findet sich oft nach rein optischen Gesichtspunkten über ihre teils indische Herkunft definiert.

Hier herrschte meiner Wahrnehmung nach völlige Einigkeit bezüglich der Notwendigkeit, Rassismen und mit dem vermeintlich Fremden verbundene Stereotypen zu überwinden. Die Kriminalliteratur als das am Stärksten welthaltige Genre hat die Aufgabe, die Realität wahrzunehmen, abzubilden, zu reflektieren und durchaus auch eine gewünschte Realität darzustellen. Autorinnen und Autoren sind mutig genug, ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen und zu brechen. Eine erwartbare Schlussfolgerung in einem Forum wacher, aufgeklärter Kulturschaffender.

Frauen drängen ins Team

Umso befremdlicher die Erkenntnis, dass die Darstellung weiblicher Lebensrealitäten und die Anerkennung von Autorinnen im Allgemeinen als weniger selbstverständlich betrachtet wird. Eigene Vorurteile und Automatismen in der Geschlechterzuschreibung kritisch zu betrachten, fällt so manchem Kollegen, Kritiker oder Verlagsmenschen offenbar immer noch schwer. Die durch Zahlen eindeutig belegte Benachteiligung von Autorinnen, nachzulesen unter anderem in diesem Artikel von Kirsten Reimers, wird beiseite gewischt. Bücher von Frauen werden signifikant seltener ausgezeichnet und im Feuilleton besprochen. Schreiben sie also schlechter? Schulterzucken.

Es geht schließlich um etwas Anderes, um wichtige Themen, brisante Handlung, die große Welt versus die kleine der Frauen. Auf die sie gerne festgenagelt werden, weil beispielsweise politische Stoffe von Frauen mit Protagonistinnen nur von sehr wenigen Verlagen gekauft werden. Politik sei Männersache, heißt es dann, was in diesem Forum allerdings niemand laut glauben will.

Zwei Frauen stehen am Tennisplatz, daneben das Golfcabrio. Da kann man sich gleich etwas vorstellen, meint Matthias Wittekind im Podium III . Urban Streets und Country Noir, in dem es eigentlich um den Schauplatz und seine Bedeutung im Genre gehen soll. Seine suggestive Besetzung eines imaginierten Raumes ist nur eines von zahllosen Gender-Klischees, die uns im Lauf dieses Kongresses so nebenbei um die Ohren fliegen. Nicht alle sind so eindeutig in den Achtzigern steckengeblieben. Da werden ernsthafte Kritiker im Feuilleton in Gegensatz zu inkompetenten Bloggerinnen gesetzt oder drei Männer reißen minutenlang die Diskussion über die Darstellung von Gewalt im Genre an sich, indem sie sich über technische Daten automatischer Waffen austauschen. Usw …

Eines der großen Missverständnisse in der Genderdiskussion bringt Ulrich Noller auf den Punkt, als er vom Podium herab erklärt, er fände die Frontenbildung Frauen gegen Männer unnötig. Schön, dass wir uns einig sind! Auch Feministinnen wollen keine gegnerische Mannschaft aufstellen. Wir wollen in eurer Mannschaft mitspielen. Inspirierte Autorinnen und eigenwillige Protagonistinnen brennen auf ihre Torchance. Offenbar herrscht eine gewisse, möglicherweise berechtigte Angst, dass durch diese Vergrößerung des Teams der eine oder andere um seine künftige Aufstellung zittern muss. Dem Ziel, hervorragende Kriminalliteratur in die Welt zu bringen, dient eine breitere Basis jedoch ebenso wie die Ergänzung durch weibliche Blickpunkte, die nicht zuletzt für mehr Realismus stehen. Qualität soll sich doch durchsetzen, oder? Trau dich, du Mädchen!, hörte ich einen arrivierten Autor zu einem Kollegen in anderem Zusammenhang sagen …

Wer schreibt über wen?

Die spannende Frage, wer über wen schreiben kann, darf oder soll wurde in mehreren Panels beleuchtet und nach teilweise kontroversiellen Diskussionen meinem Gefühl nach recht einhellig beantwortet: Jeder darf über alles schreiben. Gut und vor allem glaubhaft muss es sein. Diesem Thema möchte ich bald noch einen eigenen Artikel widmen.

Marketing

In den Panels über Kritik und ihre Auswirkungen und darüber, wie man neue Spannungstitel und Debuts am Markt platziert, gab es einige Überraschungen. So führte die geringe Bedeutung, die Buchhändlerinnen Rezensionen attestierten, zu langen Gesichtern bei Verlagsmenschen und Autorinnen. Dass gleich zwei Buchhändler zudem angaben, die Aufkleber der Spiegel-Bestsellerliste und teils auch jene renommierter Buchpreise vor dem Aufstapeln der Bücher zu entfernen, kratzte auch am Glauben an diese beliebten Marketing-Maßnahmen. Anstelle von ausufernder Werbung für Spitzentitel, die sich ohnehin verkaufen, wünscht sich der Buchhandel persönliche Ansprache und vertiefendes Material in Form von Biografien und Interviews, um Debuts besser verkaufen zu können.

Und nun?

Nach dem Kongress ist vor dem Kongress. In zwei Jahren findet Krimis machen 4 in Köln statt und ich will wieder dabei sein. Ein mit Sicherheit kontroversielles Thema für ein Podium hätte ich auch schon: Escape oder Enter – vom Wunsch aus der Realität zu fliehen und der Notwendigkeit sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Auch wenn jeder bei so einer Veranstaltung natürlich auch eigenen Ziele verfolgt, entsteht die besondere Atmosphäre durch die Gemeinschaft. Autorinnen und Buchhändlerinnen, Kritikerinnen und Verlegerinnen, Lektorinnen und Übersetzerinnen, wir alle sind Buchmenschen. Miteinander zu diskutieren, zu lachen, zu streiten, zu essen und zu trinken, und über das zu sprechen, was uns inspiriert und umtreibt, macht neben allen fachlichen Erkenntnissen schlicht Spaß.

Was auch noch sein muss: Ein fettes Lob an das Team, das für die makellose Organisation gearbeitet hat. Vielen Dank Robert Brack, Nina Grabe, Else Laudan, Torsten Meinicke und Karen Witthuhn!

Wer in diesem Artikel Themen vermisst, die sie oder ihn auf dem Kongress stärker bewegt haben – bitte ergänzt mich in den Kommentaren!

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