Treffpunkt Morgengrauen? Abgesagt!

Herland

pi5aVon Simone Buchholz

Neulich kam mir zu Ohren, dass ein paar (sehr) etablierte Kritiker Kriminalromane von Frauen (in dem Fall speziell meine) für „nicht satisfaktionsfähig“ halten. Jetzt gibt es natürlich keinen Grund, sich darüber aufzuregen, dass jemand mein Zeug nicht mag, das können ja alle halten wie die Dachdecker, ich mag mein Zeug oft auch nicht. Es gibt aber einen ganzen Sack voll guter Gründe, sich über den Begriff „nicht satisfaktionsfähig“ aufzuregen, gerade wenn ihn ein Mann in einer einflussreichen Position gegenüber einer Frau benutzt.

Lassen wir uns das doch nochmal auf der Zunge zergehen.

Typ, über fünfzig, steht da und denkt zwei Sekunden über Frau, gar nicht mal viel jünger, nach. Winkt dann ab und sagt: „Nicht satisfaktionsfähig.“

Typ, über fünfzig, hält sich also für jemanden, der sich üblicherweise im Morgengrauen duelliert. Typ, über fünfzig, denkt offenbar, er befindet sich im 19. Jahrhundert. Typ, über fünfzig, sieht Buch von…

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Die Welt ist unser aller Haus – Story Special im Culturmag

Wer keine Gelegenheit hat, unser Netzwerk Herland in den nächsten Tagen während der Veranstaltungen im Rahmen unseres Kolloquiums in Kaiserslautern live kennenzulernen, kann im Special des Online-Magazins Culturmag eine Ahnung von unserer schöpferischen Vielfalt bekommen. Zehn Literaturschaffende – darunter auch ich – sind ihren Assoziationen zum Thema Die Welt ist unser aller Haus gefolgt.
Lest hier im Herland-Special des Culturmag

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Unser Kolloquium im August: Kaiserslautern/Pirmasens

Darauf freue ich mich schon sehr!

Herland

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Das Rezept – Minidrama

Ärztin: Was führt Sie zu mir?

Ich: Magenschmerzen, allgemeine Antriebslosigkeit, Schlafprobleme. Und mit meinen Augen ist auch irgendwas.

Ärztin: Raten Sie mal, wonach das für mich klingt?

Ich: Hypochondrisch?

Ärztin: Psychosomatisch.

Ich: Aber ich habe keine Probleme.

Ärztin: Kein Stress? Wie läuft’s beruflich?

Ich: Super! Mein neues Buch ist im Druck, kommt Ende des Monats heraus. Ich bin mehr als dankbar, mit dem Erfolg zu haben, was ich am Liebsten mache. Vor allem, wenn ich bedenke, dass andere Menschen in Sklaverei-ähnlichen Verhältnissen für uns Obst pflücken oder während ihrer Ausbildung aus unserer Mitte in Kriegsgebiete abgeschoben werden, die sie schon als Kinder verlassen haben. Kein Wunder, dass man sich da vor Verzweiflung erhängt. Aber für mich könnte es wirklich nicht besser laufen.

Ärztin: Verstehe. Privat auch alles im grünen Bereich?

Ich: Alles bestens. Seit über fünfzehn Jahren lebe ich gut mit demselben Mann und es schaut so aus, als würden wir gemeinsam alt werden. Ist ja nicht so, dass wir hier Armut oder Krieg befürchten müssten. Die Waffen schicken wir zum Glück in andere Länder.

Ärztin: Die Kinder?

Ich:  Erwachsen und fast fertig mit ihren Studien, leben in glücklichen Beziehungen. Stellen Sie sich vor – ein paar tausend Kilometer südlich oder östlich geboren, wären sie womöglich von Landminen verstümmelt worden oder vor meinen Augen auf der Flucht über das Mittelmeer ertrunken. Geradezu unfassbares Glück.

Ärztin: Ich nehme an, die Wohnsituation ist ebenfalls zufriedenstellend, wenn man sie mit zerbombten Häusern oder libyschen Flüchtlingslagern vergleicht?

Ich: Selbstverständlich, auch im Vergleich mit griechischen Lagern oder deutschen Asylheimen. Geben Sie mir jetzt ein Rezept?

Ärztin: Da kommen wir ohne Chemie aus. Ich zeige Ihnen eine ganz einfache Übung. (Sie dreht den Kopf um 90 Grad nach rechts und wieder zurück.) Kommen Sie, probieren Sie das!

Ich: Was soll das? Ich habe keinen verspannten Nacken. Bitte geben Sie mir ein Rezept!

Ärztin: Vertrauen Sie mir – einfach in die andere Richtung schauen. (Dreht den Kopf.)

(Ich drehe den Kopf nach links und wieder zurück. Unsere Blicke treffen sich.)

Ärztin: Gegen die braunen Schlieren vor den Augen hilft es leider nicht.

Ich: Mit viel Blinzeln kann man sie verteilen. Dann liegt ein sanftbrauner Schleier über allem. Nostalgisch.

Ärztin (nickt zögernd, blinzelt unter Tränen): Die gute alte Zeit. Nicht wegzuwaschen. (Sie geht zum Fenster, öffnet es und schlüpft aus den Schuhen. Sie steigt aufs Fensterbrett.)

Ich (stehe auf, drehe mich zur Tür, hebe im Gehen grüßend die Hand): Vielen Dank, Frau Doktor, Sie haben mir sehr geholfen!

(Ein schriller Schrei ertönt. Eine Möwe sicherlich. Dann ein ferner Aufschlag.)

 

 

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My Cool and the Cover

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Ich habe kurz darüber nachgedacht, das Cover meines im August bei Ariadne erscheinenden Buches mit einem lakonischen Kommentar zu posten, der das abgeklärte Image einer Autorin politischer Krimis reflektiert.

Cooles Cover?

Mein neues Cover. Alles gut. (private joke)

Smoke gets in your eyes.

Aber es war so: Ich sah den Umschlag auf der Datei der Verlags-Vorschau und hatte das Gefühl, dass ich ihn schon kenne. Ich las die perfekt komponierten Klappentexte, die genau so sein müssen, ohne dass ich selbst sie hätte schreiben können. Dann suchte ich auf dem Cover nach Elementen, die ich lieber anders hätte. Vergeblich. Es ist einfach richtig so. Richtig für den Roman und richtig für mich.

Das ist schon ein wenig irritierend. Wer ist der Gestalter, fragte ich mich, von dem ich nicht mehr als den Vornamen weiß, der mich schließlich nicht kennt? Ein Grafik-Superheld, womöglich ungebunden? (Sorry Stephan, war nur ein ganz kurzer Gedanke …) Jedenfalls mindestens visuell ein Frauenversteher, Autorinnenversteher, gebrieft von einer Verlagsleiterin, die ihr Handwerk und ihre manchmal sperrigen Autorinnen versteht. So glücklich ich mit meinem letzten Verlag auch war — ich habe das kitschige Gefühl, dass ich hier richtig bin.

Uncooler geht ja wohl nicht und das ist auch gut so. Denn meine Coolness hat momentan Olga, die Protagonistin des Romans.

Falls ihr es noch nicht bemerkt habt:

Grandioser Umschlag.

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Von Flöhen und freundlichem Feindkontakt

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Wer mit Hunden schläft, wacht mit Flöhen auf, benachrichtigte mich eine  Facebook-Bekanntschaft. Ich sei verseucht und für ihn daher als „Freundin“ nicht mehr akzeptabel. Da bei echten Flöhen ein Wirtswechsel über das Internet ausgeschlossen ist, versteht sich, dass die Hunde, mit denen ich angeblich zu intimen Umgang gepflegt hatte, metaphorischer Natur waren.

Im Rahmen einer regionalen Lesungsreihe hatte ich aus meinem Buch Lügenland an einem der Handlungsorte der Geschichte am Mondsee gelesen. Die Kulturausschussvorsitzende dieses Ortes gehörte zufällig der FPÖ an. Nicht nur das, sie setzte sich auch im Vorfeld mit voller Kraft dafür ein, möglichst viele Zuhörer für die Veranstaltung zu begeistern. Seit Erscheinen des Buches hatten Veranstalter in Deutschland und Österreich  Störaktionen Rechtsextremer befürchtet. Nun trommelte ausgerechnet eine von ihnen für mich und mein Buch. Ich würde also einem Publikum, das vermutlich zum Teil aus Anhängern der FPÖ bestehen würde, meine Rebellinnengeschichte aus einem rechts-repressiv regierten Österreich der nahen Zukunft vorlesen. Was für mich nach spezieller Ironie und typisch alpenländischer Groteske klang, war für den Hundefloh-Experten Verrat an der Sache der Linken.

Hätte ich mich von der FPÖ zu einer von ihr organisierten Lesung einladen lassen? Wohl nicht. Doch diese Vorstellung ist ohnehin abstrus, da sich das Buch so eindeutig gegen das rechte Narrativ wendet, dass mir keine Möglichkeit einfällt, wie man es für gegenteilige Zwecke instrumentieren könnte. Meine Lesung war, wie die anderen drei Veranstaltungen dieser Reihe, im Rahmen eines EU-geförderten Projektes von der Kulturinitiative Mundwerk und den österreichischen KrimiautorInnen in Zusammenarbeit mit örtlichen Veranstaltern organisiert worden. Ich sah keinen Grund, mich nicht einem Publikum zu stellen, das diesmal eben etwas weniger wohlwollend sein würde, so meine Erwartung.

Tatsächlich war die Lesung ein Erfolg. Überwiegend mucksmäuschenstill – was angesichts des fehlenden Mikros auch notwendig war – lauschten mir die knapp 50 Zuhörer. Als ich zwischendurch von meiner Patenschaft für ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan und über meinen Heimatbegriff sprach, hörte ich leises Murren und meinte, eine kühle Welle zu spüren. Die Einführung des vor Ort spielenden Handlungsteils glättete die Wogen. Ja, es wurden nur etwa sieben Bücher verkauft an diesem Abend und den Frage- und Diskussionsteil würgte die Kulturausschussvorsitzende geschickt mit Veranstaltungshinweisen ab. Aber die Stimmung war insgesamt positiv und mindestens zwei Menschen lesen nun ein Buch, das gegen den Strich ihrer üblichen Lesegewohnheiten geht. Vielleicht denken sie sogar darüber nach.

Immer wieder höre und lese ich in letzter Zeit, man dürfe nicht mit Rechten, mit Islamkritikern, Migrationsskeptikern usw. diskutieren, man müsse sich eindeutig positionieren und Punkt. Ich bin sicher, auf der anderen Seite hört man über die Linken dasselbe. Ein trennender Graben scheint die Mitte gefressen zu haben, flankiert von einander gegenüberstehenden Fraktionen, die stumm auf großen Schildern ihre Glaubenssätze vor sich hertragen und eher bereit scheinen, sich diese gegenseitig über den Schädel zu ziehen, als miteinander zu reden. Und jede Seite weiß, dass sie Recht hat, kritische Kommentare oder gar Diskussionen nicht erwünscht. Wie auf Facebook, wo gefühlt immer mehr User ihre Postulate in die Runde werfen und allergisch auf jede Frage reagieren, sei sie noch so harmlos. Likes und Herzchen oder solidarische Wut-Smileys müssen reichen. Der kritische Geist darf sich mit einem Wow austoben. Gleichzeitig werden allerorts die Blasen beklagt, die uns in eine Meinungs-Monokultur zwingen. Zwingen? Sperren wir uns nicht selbst immer entschlossener dort ein?

Eine eindeutige Positionierung auf beiden Seiten kann auch ein Ausgangspunkt für eine fruchtbringende Diskussion sein, die im Minimalfall Verständnis für das Gegenüber und im Optimalfall eine Annäherung erzeugt. Was, zum Teufel, ist mit der Dialektik passiert? Wurde sie wirklich vom Malstrom des untergehenden Kommunismus in die Tiefe gerissen? (Dann wäre diese melodramatische Formulierung durchaus angebracht.)

Natürlich gibt es Extremisten, mit denen sich nicht diskutieren lässt und rechtsradikale Wortführer gehören oft dazu. An Demokratie und Meinungsvielfalt ist vielen von ihnen erklärtermaßen nicht gelegen und das ist der wesentliche Grund, warum ich mich ihnen entgegenstelle.

Das trifft jedoch nicht notwendigerweise auf alle ihre Wähler zu. Aufgrund einer anderen Interpretation ihrer Wahrnehmung der Welt sind sie zu Schlüssen bezüglich der Bewältigung aktueller Probleme gelangt, die von meinen abweichen. Darüber lässt sich diskutieren, solange man sich selbst der Tatsache bewusst ist, dass man auch nicht mehr zustande bringt, als die Wirklichkeit auf einer möglichst umfassenden Informationsbasis zu interpretieren. Dieser alte Hut gehört den vermeintlich Wissenden auf allen Seiten endlich aufgesetzt, garniert mit einem ermutigenden Schulterklopfen. Man sollte sich nicht allzu verzweifelt am Beckenrand alter Gewissheiten festklammern, ruhig mal ein paar Züge schwimmen (mit Hut) und schauen, wie die Welt von dort aussieht.

Und deshalb lese ich vor Leuten aller politischen Lager und rede auch gern mit ihnen. Um die Frage einer Kollegin hier zu beantworten: Natürlich würde ich auch eine Einladung der katholischen Kirche annehmen, obwohl ich selbst ungläubig bin. Meine einzige Bedingung ist gegenseitiger Respekt und ein echtes Interesse am Austausch. Ich unterhalte mich mit dem FPÖ-wählenden Handwerker, der keine einzige Grün-Wählerin in seinem Bekanntenkreis hat und nie gedacht hätte, dass eine solche auch ganz vernünftige Sachen sagen kann. Er wird deshalb bei nächsten Wahl nicht anders entscheiden. Aber irgendwann passiert vielleicht etwas, das ihn zweifeln lässt und dann hat er schon mal von einem (sympathischen!) Menschen gehört, das man auch anders denken kann.

Ich verbiege mich nicht, ich rede niemandem nach dem Mund. Aber ich rede mit allen.

 

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Nur ernst

Manchmal frage ich um Rat. Manchmal rät man mir ungefragt. Ich denke auch dann darüber nach. Oft kurz.

Um als Schriftstellerin und überhaupt ernst genommen zu werden, solle ich in meinem Blog auf die Albernheiten verzichten, die sich unter die seriösen Artikel mischten, riet mir kürzlich ein sicherlich wohlmeinender Kollege. Obskure Geschichten aus dem Dichterinnenhirn, Limericks und groteske Minidramen passten nicht zum Image einer Autorin politischer Romane …

Hier schaltete ich auf Durchzug. Jede hat ja so ihre Kriterien und ich kann Menschen nicht ernst nehmen, wenn sie sich selbst zu ernst nehmen.

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