Kafkaeskes Beamtentum – eine Berufung?

Im Rahmen eines Netzwerktreffens ergab sich kürzlich die Gelegenheit einem Impulsreferat eines Beamten des Ressorts „Service AusländerInnenbeschäftigung“des AMS (Arbeitsmarktservice) in Wien zu lauschen. Einiges, was der Mann zu sagen hatte stieß mir dabei übel auf. Nicht alles konnte ich gleich in der Diskussion vor Ort konkret benennen.

Es fing an mit der Behauptung, Asylanten und Asylbewerber wollten gar nicht arbeiten. Das beträfe auch jene, die wochenlang hungerstreikend in der eiskalten Wiener Votivkirche  ausgeharrt und unter anderem das Recht auf freien Zugang zum Arbeitsmarkt gefordert hatten. Sie könnten nämlich ohnehin arbeiten, wenn und was sie nur wollten.

(Was nicht stimmt. Ich arbeite ehrenamlich in der Flüchtlingsbetreuung und weiß: Die erforderliche Arbeitsbewilligung wird Asylbewerbern in der Praxis ausschließlich für Ernte und Saisonarbeit erteilt. Die betreuenden Stellen raten von der Annahme dieser Arbeitstellen aus Gründen der Existenzgefährdung ab, deren Erläuterung hier zu weit führen würde. Ist der Asylstatus einmal gesichert und der freie Zugang zum Arbeitsmarkt gegeben, scheitert die Vermittlung der Flüchtlinge in geregelte Arbeitsverhältnisse oft nicht nur am Willen der Arbeitgeber, sondern natürlich auch an mangelnden Sprachkenntnissen und fehlender Ausbildung. Arbeit suchen ist eben leider nicht gleich Arbeit finden.)

Beinahe in jedem Wort war die Verachtung des Mannes gegenüber ausländischen Arbeitnehmern offenkundig. Böswillig kämen die beispielsweise nach Ende eines Arbeitsverhältnisses zu ihm, um Arbeitslosengeld zu beantragen, obwohl sie gar keine Beschäftigungsbewilligung besessen hätten. Originalzitat: „De san wirklich so bled.“ Anstatt die Schuld hier bei der undurchschaubaren Gesetzeslage oder den skrupellosen Arbeitgebern zu suchen, die ihren Mitarbeitern vorgaukeln sie befänden sich in einem regulären Arbeitsverhältnis, da sie offiziell krankenversichert sind, unterstellte er den Arbeitnehmern abwechselnd Dummheit oder absichtliches Sozialschmarotzertum. (Ja, es gibt immer auch Personen, die das System ausnutzen wollen, doch mit welchem Recht unterstellt man das allen?)

Asylanten, die Arbeit als Zeitungskolporteure leisteten (für Nichtösterreicher: Es handelt sich hier um die Straßenverkäufer, die bei Wind und Wetter Zeitungen an öffentlichen Orten verkaufen), verdienten angeblich nicht schlecht, wohnten sicher nicht in Elendsquartieren und leisteten sich schließlich zweimal jährlich einen sechswöchigen Urlaub in Indien (??), wusste der Experte zu berichten. Die Wahrheit: 2,50 bis 3 Euro Verdienst pro Stunde. http://diepresse.com/home/panorama/integration/573945/Kolporteure_Prekaerer-Job-den-kein-anderer-macht

Ein beifallsheischender Blick in die Runde nach einer kleinen Anekdote: Eine rumänische oder bulgarische Frau, die um eine Arbeitsbewilligung angesucht hatte und mit Verzweiflung reagierte, als ihr diese trotz der EU-Zugehörigkeit ihres Landes nicht erteilt wurde. „Aus!“, hätte er die Frau angebellt (Originalton), „Gibts net und jetzt auße!“ Nur für ihn ein Grund zu feixen.

Äußerungen über den wünschenswerten Austritt aus der EU zur Durchsetzung strengerer Ausländerbeschäftigungsgesetze, abfällige Bemerkungen über „de Tirken“ und ähnliches markierten deutlich, wes Geistes Kind wir vor uns hatten. Aber ja doch, wir leben in einer Demokratie und es herrscht Meinungsfreiheit.

Alles also nicht so schlimm? die Einstellung dieses AMS-Mitarbeiters fällt vermutlich nicht aus dem Rahmen von Stammtischrülpsern des sogenannten „gesunden Volksempfindens“ und sicher blieben ihm auch negative Erfahrungen am Arbeitsplatz nicht erspart. Doch was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn ein Mensch mit solchen Ansichten ausgerechnet im „Service AusländerInnenbeschäftigung“ arbeitet? Warum das immer wieder zum Ausdruck gebrachte Vergnügen daran, Menschen die kaum eine Möglichkeit haben, den Gesetzesdschungel zu durchblicken, mithilfe möglichst streng interpretierter Vorschriften aufzublattln?

Im Nachhinein ärgere ich mich über meine mangelnde Geistesgegewart. Erst zuhause hat mein Mann mich auf die Frage gebracht, die ich hätte stellen sollen: Wie interpretieren Sie den in Ihrer Stellenbeschreibung enthaltenen Servicegedanken?

Denn was mich an der Begegnung beunruhigt hat ist nicht allein die negative Einstellung gegenüber der konkreten Zielgruppe, der man eigentlich zum Dienst (Service?) verpflichtet wäre. Nein, es ist auch dieses Bild der sich selbst genügenden Bürokratie, die vollkommen vergessen hat, das sie im Dienst der Bevölkerung steht. Liegt nicht gerader dieser kafkaesken Auffassung des Beamtentums selbst eine sozialschmarotzerische Einstellung zugrunde? Nicht produktiv und nur aus Steuergeldern finanziert scheint das einzige Arbeitsziel darin zu liegen, es der Bevölkerung (und damit dem eigenen Arbeitgeber) möglichst schwer zu machen.

Nicht alle Beamten und öffentlichen Angestellten sind so. Es gibt sicher auch engagiertes Personal, das den Servicegedanken verinnerlicht hat. Doch für alle, die, wie der hier erwähnte Herr, vergessen oder nie verstanden haben, für wen sie arbeiten, sollte das AMS vielleicht eine Fortbildung spendieren: „Respekt und Verpflichtung gegenüber meinem Arbeitgeber, dem Volk“ könnte dessen Titel sein.

Und von mir noch eine Literaturempfehlung zum Thema: Franz Kafkas „Das Schloss“.

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Eine Antwort zu Kafkaeskes Beamtentum – eine Berufung?

  1. Elis Fischer schreibt:

    Sehr schöner Kommentar, besonders diese zwei Sätze haben es mir angetan:

    „Nein, es ist auch dieses Bild der sich selbst genügenden Bürokratie, die vollkommen vergessen hat, das sie im Dienst der Bevölkerung steht. Liegt nicht gerader dieser kafkaesken Auffassung des Beamtentums selbst eine sozialschmarotzerische Einstellung zugrunde?“

    Ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge!
    Elis

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