Splitter aus dem Scherbenpalast

Ein kurzes Stück aus dem Roman, der vermutlich im Juli in eine neue Überarbeitungsphase tritt … die Protagonistin sucht das Gespräch mit der Ehefrau ihres Geliebten.

Länger durfte sie nun nicht mehr hier stehen. Die Hand schon zum Klingelknopf erhoben, drückte sie dann doch versuchsweise gegen das kühle Metall des Tores, das sofort mit leisem Klicken den Weg freigab. Na bitte, wenn das kein guter Start war.
Ein weißer Beetle stand in der offenen Garage und aus einem gekippten Fenster im ersten Stock drang leise Popmusik. Zwischen schmalen Beeten noch blütenlos sprießender Tulpen und knospender Narzissen näherte sich Sandra mit entschlossenen Schritten der Haustür. Das Klappern ihrer Pumps auf dem gepflasterten Weg klang überlaut in ihren Ohren, geradezu schicksalsschwanger. Klingelnde Sporen zum Äußersten entschlossenen Heldenmutes. Ein kurzes Aufflackern von Panik noch, ein diffuser Schatten kommenden Unheils, zum Schweigen gebracht durch den klaren Dreiklang der Glocke.
Schmatzend öffnete sich das bis eben gekippte Fenster und ein blonder Schopf erschien.
„Was gibt‘s denn?“
Sandras Kopf war mit einem Mal leer. Dabei hatte sie sich jedes Wort zurechtgelegt. Sie kramte nach den passenden Sätzen, kombinierte hastig und würgte dann endlich ihre Begrüßung hervor.
„Guten Morgen, Frau Klose! Ich muss dringend mit ihnen sprechen. Es geht um Ihren Mann.“ Das sollte reichen, um ihr die Türe zu öffnen.
„Um Himmels Willen, was hat er denn jetzt schon wieder angestellt?“
Die Frau hatte einen süßlich affektierten Ton in der Stimme, der jedes Wort unehrlich und aufgesetzt wirken ließ. Sandra hasste sie von der ersten Sekunde an. Freundlich lächelnd zwang sie sich, dem Blick der Blonden standzuhalten, die jetzt die vollen Lippen zu einem niedlichen Schmollmund verzog. Schließlich schien sie durch das seriöse Outfit ihrer Besucherin von deren Vertrauenswürdigkeit überzeugt und verschwand ohne ein weiteres Wort vom Fenster. Die Musik verstummte.
Die Haustür öffnete sich. Sandra hatte den Eindruck, auf eine fleischgewordene Barbiepuppe hinunterzublicken. Die schmale Taille, der große Busen, die langen blonden Haare, unordentlich hochgesteckt, rosa Lippenstift, blaue Augen, ein unspektakulär hübsches Gesicht. Klein war sie und – Sandra versuchte vergeblich, das Wort zurückzudrängen – anmutig. Die Frau trug goldene Ballerinas zu weißen Sweatpants und einem pinkfarbenen Top mit goldener Aufschrift. Ein albernes Teenager-Outfit, wie Sandra in Gedanken giftete, das wohl kaum zu den achtunddreißig, neununddreißig Jahren passte, die Barbie am Buckel haben musste.
Dennoch. Verglichen mit ihr fühlte Sandra sich mit ihren knochigen Einsvierundsiebzig plötzlich wieder so ungelenk und hässlich, wie in den schlimmsten Momenten ihrer Schulzeit. Kaum zu glauben, dass Ricardo diese Frau ihr zuliebe verlassen wollte.
„Worum geht es denn nun, meine Liebe?“
Die flötende Stimme pfiff Sandra zurück in die Gegenwart, zurück zu ihrer Mission. Sie holte tief Luft und beschloss, sofort zur Sache zu kommen. Schließlich machte diese Frau nicht den Eindruck, als würde sie sich umgehend unter den Auspuff ihres affigen Autos legen. Klartext würde zum Vorschein bringen, was sich unter der Hülle des Püppchens verbarg.
„Mein Name ist Sandra Hauser. Sie haben von mir gehört. Ich liebe Ihren Mann und er liebt mich und ich möchte Sie bitten, sich die Sache mit der Trennung nochmals zu überlegen.“
Ihre Gegnerin gaffte sie mit weit aufgerissenen Augen scheinbar verständnislos an. Dann begannen ihre Lippen zu zucken, die Augen glitzerten. Sandra machte sich auf Tränen gefasst und adjustierte ihre Rüstung aus professioneller Freundlichkeit. Das spöttische Gelächter brachte sie aus dem Konzept.
„Na, Sie sind mir ja eine! Mein Name ist Sandra Hauser und ich liebe Ihren Mann.“ Ihre miese Imitation brachte das Weib noch mehr zum Lachen. „Wissen Sie, Sie sehen gar nicht aus, wie die dummen Tussis, die er sonst so anschleppt.“
Da spricht die Richtige, schnaubte Sandra bei sich, während sie versuchte, die Bedeutung des überraschenden Heiterkeitsausbruches zu ergründen. Es kam vor, dass Menschen unter Schock völlig widersinnige Verhaltensweisen zeigten.
„Was hat er Ihnen denn erzählt? Dass ich ihn angefleht hätte zu bleiben? Dass er Frau und Kind nicht im Stich lassen kann? Nein? Dann vielleicht sogar die Geschichte mit der tödlichen Krankheit und der aufopfernden Pflege, mit der er mir die letzten Jahre versüßen müsste? Auch nicht? Sie brauchen mich gar nicht so anzusehen, als wäre ich völlig durchgeknallt. Ist alles schon dagewesen.“

Es versteht sich, dass das nicht gut ausgehen kann …

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2 Antworten zu Splitter aus dem Scherbenpalast

  1. Sebastian Schmidt schreibt:

    Immer diese Cliff­han­ger, die machen so neugierig! 😀

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