Kritik, Kölsch und Kolumba – Erkenntnisse bei einem Kurs der Textmanufaktur in Köln

Klarheit über die Kwalität meiner Kurzgeschichte wollte ich gewinnen und keck hinter die Kulissen des Kulturbetriebs blicken. Keine Gelegenheit schien dafür geeigneter als ein Kurs in Köln bei Kritiker-Koryphäe Hubert Winkels (Literaturredakteur bei Deutschlandfunk und Zeit, sowie Juror des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises).

Ein Seminar im Rahmen von André Hilles Textmanufaktur läuft folgendermaßen ab: Alle Teilnehmer schicken vorab ihre Texte ein. Diese werden in einem Reader zusammengefasst und vor Kursbeginn studiert. Im Anschluss an eine Vorstellungsrunde wird ein Text nach dem anderen vom Autor angelesen, von einem anderen Kursteilnehmer kurz vorgestellt, im Plenum diskutiert und abschließend von den Kursleitern kommentiert. Dieser Ablauf war mir von mehreren Textmanufaktur-Kursen, die ich 2010 und 2011 in verschiedenen Städten belegt hatte, bereits vertraut.

Diesmal trafen wir uns im Hinterhofsalon, einem kontemplativen Veranstaltungsraum inmitten des lebhaften Belgischen Viertels. André Hille verbreitete auf gewohnte Art unaufgeregtes Wohlgefühl, die insgesamt neun Teilnehmer waren überwiegend schreib- und kurserfahren, die Texte mehrheitlich interessant. Die Kritik bewegte sich vorwiegend in gewohnten Bahnen entlang der jahrzehntealten Gesetze des strengen Lektorengottes, die in jedem Schreibratgeber und Kurs verkündet werden und welche im Wesentlichen lauten:

  1. Show, don’t tell! Ziehe eine szenische Erzählweise und Dialoge unbedingt der reinen Handlungsbeschreibung vor! Längere Exposition (zusammenfassende Einführung in die Situation) ist zu vermeiden!
  2. Meide Adjektive, Adverbien und Füllwörter!
  3. Wahre die Reinheit der einmal gewählten Perspektive! Der auktoriale Erzähler hält kühl alle Fäden in der Hand, der personale und der Ich-Erzähler bleiben strikt in ihren Figuren und NIEMALS! dürfen sie deren Handlungen aus der Außenperspektive kommentieren.

Die Erkenntnisse bezüglich meiner eigenen Kurzgeschichte hielten sich in Grenzen. Eine Parabel oder Satire sei es, sagte man, und typisch österreichisch obendrein, was auch immer das sein mag. Wie üblich gab es diejenigen, die einen unmittelbaren Zugang zu der Geschichte fanden und andere, die mangels desselben Verbesserungsvorschläge hatten, die sich in meinem Fall weniger auf die lektorengöttlichen Regeln, sondern auf die Konstruktion bezogen. Bedenkenswert scheint mir im Nachhinein vor allem Winkels Anregung, der Geschichte am Ende noch eine zusätzliche Wendung zu geben.

Wie schon in manch anderem Seminar liegt der Gewinn für mich vor allem in den Gedankenprozessen, die durch die Diskussion der fremden Texte in Gang gesetzt werden und in der Vernetzung mit anderen Autorinnen und Autoren. Aus dem einsamen Schreibprozess heraus bei dem einen oder anderen Kölsch mit Menschen zusammenzusitzen, die ebenfalls von der Leidenschaft für die Sprache und das Erzählen getrieben werden, ist erleichternd bis beglückend. Schon mehrmals haben sich in der Vergangenheit aus solchen Begegnungen langfristige Freundschaften ergeben.

Ergänzend boten die Kursleiter uns auch diesmal einige desillusionierende Einblicke in den Literaturbetrieb, insbesondere das Wettbewerbswesen. Mangels Autorisierung will ich hier dazu nur soviel sagen: Die Chancen auf einen Wettbewerbsgewinn entsprechen oft nicht den theoretischen Quoten, die aufgrund der Zahl der Einsendungen in Relation zur Qualität des Textes zu erwarten wären. Marketingtechnische Erwägungen spielen hier ebenso eine Rolle, wie die Vernetzungen innerhalb des Literaturbetriebes.

Im Anschluss an dieses ebenso angenehme wie unspektakuläre Seminar war es ein Zufall, der mir zu einer weiteren Einsicht verhalf, die schon lange in mir rumorte. Mit einer Jugendfreundin besuchte ich am Abend  des letzten Kurstages deren in Köln lebenden Bruder. Im Lauf des unfassbar netten Abends schenkte der mir ein Buch, den Debutroman einer Freundin, der 2007 bei rororo erschienen war: Fräulein Kellermann und die Kunst des Schwärmens von Andrea Voß. Noch in der gleichen Nacht fing ich an zu lesen und – oh, Wunder! In diesem bezaubernd geschriebenen, witzigen und kapriziösen Buch schert sich Frau Voß keinen Deut um die lektorengöttlichen Gebote und – noch größeres Wunder –  auch das Lektorat hat sich in geradezu ketzerischer Zurückhaltung geübt. Unbefangen wird hier zwischen den Perspektiven gewechselt, frisch drauflos kommentiert und eine Exposition dauert schon mal mehrere Seiten. Und es ist gut so!

Warum? Weil die gnadenlose Befolgung der lektorengöttlichen Gebote allzu oft kühl komponierte Kabinettstückchen zeitigt, die in ihrer Perfektion so mitreißend sind wie wohltemperiertes Badewasser.  Keine Frage, Technik ist wichtig. Doch der Sog, den eine gute Geschichte entwickelt, spült die Leserin mühelos über eventuell vorhandene Klippen überflüssiger Adjektive oder inkonsistenter Erzählhaltung hinweg, ja, diese Klippen sind unter Umständen mitverantwortlich für einen spezifischen Stil, der eine Geschichte zu etwas Besonderem macht. Schreiben ist nichts für Feiglinge. Wer sich immer am sicheren Geländer angeblich unumstößlicher Regeln festhalten will, wird kaum erfahren, wie es ist, am Abgrund zu stehen und die Flügel auszubreiten und kann dieses Gefühl folglich auch dem Leser nicht vermitteln.

Ja, auch in diesem Kurs wurde darauf hingewiesen, dass Regeln nicht unumstößlich sind. Doch mein schwer erfüllbarer Wunsch an das ideale Seminar lautet: Es sollte ermutigen die Flügel auszubreiten und lehren die Thermik optimal zu nutzen. Wie jenes Textmanufaktur-Seminar 2010 in Venedig bei Christian Döring, der es auf bisher unerreichte Weise verstand, in die Seele unterschiedlicher Texte zu blicken und deren Potential offenzulegen.

Zum Schluss noch, um alle Versprechungen des Titels einzulösen, Kolumba. Das Kolumba-Museum der Erzdiözese Köln, empfohlen sowohl von Hubert Winkels als auch vom Bruder meiner Freundin, ist eines der besten Museen, die ich kenne. Die Architektur von Peter Zumthor entfaltet eine zurückgenommene Poesie, die Gänsehaut erzeugt und die Ausstellung, die alte sakrale Kunst mit modernen Gemälden und Installationen kontrastiert, ist sensationell kuratiert. Anschauen!!!

Doch selbst hier lauert die Ignoranz. Eben genieße ich die Eleganz der schlanken Stahlbetonsäulen, die wie Lichtstrahlenaus den Kellergewölben der gotischen Kapelle schießen, als eine lärmende Gruppe den Steg betritt, der die Besucher durch den Raum führt. „Äh, isch kann mä wat Intärässanteret vorställä, abba äscht!“ tönt es.

Tja, Pech für sie!

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7 Antworten zu Kritik, Kölsch und Kolumba – Erkenntnisse bei einem Kurs der Textmanufaktur in Köln

  1. Ménard schreibt:

    Also… zu Punkt drei kann man sicher eine andere Meinung haben. Du kannst beispielsweise in einem Kapitel eine personale Erzählweise wählen und am Ende in eine auktoriale wechseln. Das ist durchaus legitim. Ich hatte gerade einen solchen Fall mit einer Lektorin. Ich denke, als in Stein gemeißelte Regeln würde ich die drei Punkte nicht verstehen. Eher sinnschärfend.

  2. Heike Duken schreibt:

    Ein Literaturtipp zum Thema Brechen aller Regeln: „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace. Tja, so gut muss man das aber erstmal können. Über 1700 Seiten ein sprachlicher Vulkanausbruch plus Tsunami, ich liebe es!!! Meine Lieblingswortschöpfung: plemplemisieren. So ein Schreiseminar kann einen auch auf hohem Niveau plemplemisieren 🙂

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Ja, das ist natürlich ein Extrembeispiel für Originalität 🙂 Das Buch von Andrea Voß hab ich gewählt, weil es wirklich technisch alles andere als perfekt ist (Perspektivwechsel mitten im Absatz …) und ich es trotzdem ungern aus der Hand lege. Und es ist als Debut bei rororo erschienen, was ja nicht der schlechteste Start ist.
      Gegen Schreibseminare ist gar nichts zu sagen (noch weniger gegen SCHREIseminare 🙂 ). Wir sollten bloß nicht vergessen, dass man Techniken lernen kann, die aber nicht in erster Linie über die Qualität entscheiden. Da, denke ich, gerät man leicht in einer falsches Fahrwasser, wenn man nur die Sichtweise der Lektoren oder Kritiker zu hören bekommt.

  3. Birgit schreibt:

    Danke, liebe Gudrun Lerchbaum, für Ihren Text. Hat einfach Spaß gemacht zu lesen (zumal ich sowohl Studierende bei der Textmanufaktur bin, als auch in Köln lebe 😉 ).

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