Bogart und Bachmann

Infolge eines bissigen Kommentars meinerseits sah man sich im Rahmen des samstäglichen Grillfestes veranlasst, die Vielschichtigkeit meiner Persönlichkeit zu diskutieren. Unter dem Schafspelz verberge sich ein Wolf, in dem wiederum ein Lämmchen eingebettet läge, meinte ein Kenner meiner Seele. Gut, nichts Neues unter der Sonne. Doch, so fügte ein lieber Freund hinzu, ganz innen verstecke sich – Humphrey Bogart!

Seither grüble ich, was das zu bedeuten haben könnte. Läge meine Gemeinsamkeit mit Bogart in der Coolness, dann würde ich mir darüber keine Gedanken machen und mir auch nicht wünschen, man hätte an seiner statt seine Ehefrau Lauren Bacall in mich hineingedichtet.

Vermutlich bin ich etwa gleich groß wie der Mann, der sich für Filmküsse auf Schemel stellen musste und sich Holzklötze unter die Schuhe schnallte, um neben größeren Partnern im Bild zu bleiben. Oder kann es das zerknitterte Gesicht gewesen sein, das den – dann vielleicht doch nicht so lieben – Freund inspiriert hat? Vielleicht wurde die Assoziation aber auch schlicht von der Zigarette ausgelöst, die ich allerdings niemals nach Bogart-Manier an die Unterlippe geklebt halte. Eine zivilisatorische Fähigkeit übrigens, mit der es der Schauspieler zu einem eigenen Verb gebracht hat. „Don’t bogart that joint my friend, pass it over to me“ sang die Fraternity of Men im Film Easy Rider. To bogart bezeichnet seither nicht etwa die damals noch obercoole, inzwischen sozial unerwünschte Permanentinhalation, sondern die unsoziale Praktik etwas für sich zu behalten, was sich eigentlich zu teilen ziemt.

Ein eigenes Verb – das wäre allerdings etwas! In banger Erwartung der nächsten Grillerei harre ich der Vorschläge, bei welchen Aktivitäten lerchbaumen dereinst in aller Munde liegen könnte.

Auch Ingeborg Bachmann war, ergänzend zu ihrer Alkohol- und Tablettenabhängigkeit, passionierte Raucherin, was jedoch neben dem Anfangsbuchstaben meines Wissens ihre einzige Gemeinsamkeit mit Bogart darstellte. Ob sie die in ihrem Gedenken gestifteten Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur in ihrer jetzigen Form geschätzt hätte, lasse ich einmal dahingestellt. Ich jedenfalls freue mich schon wieder auf das Spektakel, dass ich nach zweimaligem Besuch vor Ort diesmal wieder per 3Sat genießen werde.

Neben den ambitionierten Texten unterschiedlichster Qualität fasziniert mich immer wieder, nach welchen Kriterien die Jury Literatur teilweise bis zur Unkenntlichkeit zerlegt. Scharfsinnige Kommentare und Einsichten wechseln sich da aufs unterhaltsamste mit in meinen Augen absurd fehlgeleiteten Interpretationen ab. Gelegentlich ist im großteils fachkundigen Publikum deutliches Murren zu vernehmen, wenn der eigentliche Inhalt eines fesselnden Textes von der Jury, im Bemühen tiefere Bedeutungsschichten freizulegen, übersehen wird. Auch wenn ich auf dieses Live-Vergnügen diesmal verzichten muss, die Solidarität mit den zumeist stumm ihrer Hinrichtung oder Adelung beiwohnenden Autoren und Autorinnen bleibt.

Von der Inszenierung her unterscheidet sich der Bachmann-Preis nur unwesentlich von den im Fernsehen so beliebten Casting-Shows, in denen vom Model über den Sangesnachwuchs bis zum angehenden Designer wohl bald jedes Berufsbild vertreten ist. Was übrig bleibt, handelt man in Sozialpornos und Jobtausch-Shows ab. Um so erstaunlicher, dass nun wieder einmal angekündigt wird, die Übertragung der Klagenfurter Literaturtage einzustellen. Der Zeitpunkt dieser Verlautbarung nährt den Argwohn, es könne sich nur um einen Marketing-Gag handeln. Nur zur Sicherheit also und auch in Anbetracht der beengten Parkplatzsituation um das Klagenfurter Funkhaus fordern hier Bogart und Lämmchen und Wolf und Schafspelz mit aller ihnen zur Gebote stehenden Autorität:

Lasst mir meinen Kulturporno!

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4 Antworten zu Bogart und Bachmann

  1. Ménard schreibt:

    Bogart herrlich? Du musst dieses eine Bild finden, in dem er dem McCarthy Untersuchungsausschuss beiwohnt. Dieses Bild verrät dir, wer Bogart war. Gróßartig.

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