Vom Zwinkern und Kitzeln – Testleser am Werk

Einige Wochen ist es nun her, dass ich die Erstfassung meines historischen Romans fertiggestellt und zum ersten Mal auf ein sorgfältig ausgewähltes Publikum losgelassen habe: die Testleserinnen und -leser. Während ich das Manuskript ruhen ließ, um Abstand für die Überarbeitung zu gewinnen, hatten sie Gelegenheit, Unstimmigkeiten in Plot und Figurenzeichnung, sprachliche Nachlässigkeit oder sachliche Fehler aufzuspüren. Ein Arbeitsschritt, der meiner Ansicht nach unerlässlich ist, um einen guten Text zu schreiben.

Um wirklich von dem Prozess profitieren zu können ist die Auswahl der Testleser entscheidend. Oma, Mama und die beste Freundin bringen da nichts, sofern sie nicht aus altem Verlegeradel stammen oder ihr Leben als Lektoren fristen. So gerne ich auch von meinem Mann mit Lob und Bewunderung überschüttet werde, so wenig bringt das für die Verbesserung des Manuskripts.

Fachleute müssen her! Und hier zeigt sich, nicht zum ersten Mal, der praktische Nutzen virtueller und realer Netzwerke. Von meinen sieben Testlesern ist nur einer ein langjähriger Freund, der sich durch Literaturaffinität und die in diesem Fall wertvolle architektonische Sachkompetenz auszeichnet. Zwei wunderbare Autorinnen kenne ich über die Mörderischen Schwestern, eine Vereinigung von Krimiautorinnen, zwei weitere habe ich bei Schreibkursen kennengelernt und die restlichen beiden Tester kenne ich – ja, wirklich – über Facebook, darunter ein Historiker, der bereits über die im Roman beschriebene Zeit publiziert hat.

Obwohl noch zwei Feedbacks ausständig sind, habe ich inzwischen damit begonnen die Anregungen einzuarbeiten. Insbesondere das letzte Kapitel, so hieß es, sei unbefriedigend und gehöre nachgeschärft. Interessanterweise kam diese Einschätzung ausschließlich, aber einhellig, von der weiblichen Testleserschaft. Die Männer fühlten sich offenbar vom nicht gesellschaftskonformen Verhalten der weiblichen Protagonistin weniger irritiert.

Tippfehler und mangelhafte Zeichensetzung, für die mir im Dickicht längst der Blick verlorengegangen war, wurden gemeinschaftlich und hoffentlich vollständig aufgespürt, heimliche Lieblingswörter, die sich, von mir unbemerkt, zu oft eingeschlichen hatten, gnadenlos aufgedeckt. Eine für mich neue und spannende Erkenntnis:

Verben, die ein z enthalten, scheinen besonders auffällig und auch bei geringer Anwendungsdichte kritisch zu sein. So bemängelte ein Leser die häufige Verwendung des Wortes „kitzeln“, das in den gesamten fünfhundert Seiten lediglich acht Mal vorkam. Übertrieben kritisch fand ich das zunächst, habe das Gekitzel dann aber doch auf fünf Erwähnungen reduziert. Nicht zuletzt, weil eine andere Testerin meinte, meine Figuren zwinkerten zu oft, und tatsächlich: 26 Zwinkerer, von denen lediglich neun überlebt haben. Gekonntes Zwinkern gestehe ich nun nur noch einer Person zu.

So ein Feintuning mag vielen Autoren überflüssig oder übertrieben scheinen. Auch ich nehme natürlich nicht jede Anregung an. Schließlich bin ich nicht an einem stromlinienförmigen Text interessiert, der keinerlei Reibungsflächen mehr enthält. Aber im Idealfall muss ich jedes Wort eines literarischen Textes begründen können, und sei es nur mit der Melodie des Satzes. Wenn ich das an einer kritisierten Stelle nicht kann, dann ändere ich die mit Vergnügen. Und wenn eine Handlung oder ein Charakter mehreren Testleserinnen nicht stimmig erscheint, dann liegt das nicht an der Unfähigkeit der Leser, sondern daran, dass ich offenbar nicht zwingend formuliert habe.

Wenn ihr also nicht nur für euch selbst schreibt, dann traut euch, um gezieltes Feedback zu bitten! Der fremde Blick auf den eigenen Text ist doch, was ihr euch wünscht. Und wenn die Lektorin bei der Verlagssuche eure erste Leserin ist, wird sie all die Defizite bemerken, die ihr mithilfe der Testleser längst ausgemerzt hättet.

Aber sucht eure Testleser sorgfältig aus! Den Kollegen, der mir schon oft wertvolle Hinweise für meine Kurzgeschichten geliefert hat, aber historische Stoffe verabscheut, habe ich natürlich nicht mit meinem Roman gequält. Und wer persönliche Kritik mit Kritik am Werk vermischt oder gar verwechselt – Typ: Ach, deine Protagonistin hat auch ein Gewichtsproblem – hat ebenfalls nichts beizutragen.

Ein fettes Dankeschön an alle meine Testleserinnen und Testleser!

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