Deutschlandreise, Teil 3

Wie hat Amrum gewählt? Ich konnte das im Internet heute nicht eruieren und vielleicht ziehen es die Amrumer ja vor, solche Profanitäten grundsätzlich zu übergehen. So wie den Wahlkampf. Während im übrigen Deutschland jeder Laternenpfahl zuplakatiert war, konnten wir bei unserem Aufenthalt auf Amrum, rund zwei Wochen vor der Bundestagswahl, kein einziges Wahlplakat entdecken. Politikfreie Zone oder Pragmatismus, weil die Wirksamkeit inflationär ins Auge geschossener Rumpfbotschaften bezweifelt wird? Für uns ebenfalls wahlkampfstrapazierte Österreicher jedenfalls war das eine sympathische Leerstelle!

Überhaupt – so chillig wie Amrum habe ich bisher erst einen anderen Urlaubsort in meinem Leben empfunden (den zu nennen überflüssig ist, weil das bereits zwanzig Jahre her ist). Die Stimmung auf der Insel als unaufgeregt zu bezeichnen ist eine Untertreibung. Ich kann mir derzeit keinen anderen Ort vorstellen, an dem ich lieber einige Wochen verbringen würde, um in Ruhe zu schreiben. Die Anregung liegt hier allein in der beeindruckenden Natur. Das Farbspiel, das sich über ausgedehnter Dünenlandschaft, unfassbar breitem Strand, Meer und Himmel entfaltet, scheint ganz neue Synapsen zu aktivieren und die Weite saugt jeden Ballast aus dem Hirn. Neben gemütlichen Radtouren, langen Strandspaziergängen und Wattwanderungen bleibt genug Zeit zum Lesen. Letzteres, zugegeben, auch dank eines komplett verregneten Tages.

Heiße Tipps: Zwischendurch einfach mal längere Zeit stehenbleiben und zusehen, wie das Wasser bei Flut mit erstaunlicher Geschwindigkeit näherkriecht oder die Sonne hinter jenseitig schönen Wolkenformationen untergeht. Und unbedingt den Friedhof in Nebel besuchen, wo man mittels der Grabinschriften den seltsamen Abenteuern von Hark Nickelsen und seinen Kameraden auf die Spur kommt, deren Schiff im 18. Jahrhundert gekapert wurde. Sie verbrachten 12 Jahre in algerischer Sklaverei , bevor sie, teils als reiche Männer, in ihre Heimat zurückkehren konnten.

Das einzige, was gegen einen längeren Aufenthalt auf Amrum spricht ist das Essen. Das ist nämlich nicht nur in allen von uns besuchten Restaurants gut, sondern auch überreichlich. Eineinhalb Kilo mehr auf den Rippen in nur einer Woche! Bestellt man in Wien Lammfilet, dann bekommt man zwei Scheiben davon, appetitlich angerichtet auf ein paar Klecksen Beilage. Beim Likedeeler in Steenodde liegt ein ganzes Filet auf dem Teller, sicher 300 Gramm, und so perfekt rosa gegart, dass es einfach unmöglich ist, auch nur einen Bissen liegenzulassen. Der Rest des Tellers voll mit Gemüse, die Kartoffeln finden in einer Extraschale Platz. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so perfekt  (aber immer noch erfreulich) dreierlei Fischfilets in der Seekiste in Nebel – keine schmalen Streifen, sondern drei Filets, die fast über den Tellerrand hängen. Wobei die Teller bei uns eher Verwendung als Platzteller oder Servierplatten finden würden.

So, genug geschwärmt von Amrum! Schließlich soll der Zustrom der Urlauber bescheiden bleiben, falls es uns noch einmal dorthin verschlagen sollte. Zum Abschluss gibt’s nach der Räumung des Nebeler Appartement in Wittdün noch ein gutes Frühstück im Café Pustekuchen und ein Fischbrötchen für die Fähre vom Händler gegenüber. Pfeffermakrele wollte ich haben, doch die sei ungeeignet wegen der Gräten, meinte der Mann hinter der Budel. Tja, wenn die Makrele also blöd sei …, überlegte ich laut. „Blöd sind die anderen Fische auch“, konterte der Fischphilosoph. Sehr zu empfehlen: der heißgeräucherte Lachs.

Über Berlin, unseren Zwischenstopp auf der Rückreise will ich mich nicht weiter auslassen, da war ja jeder schon. Die Reichstagskuppel habe ich zum ersten Mal besucht. Es lohnt sich. Das nette Viertel um Auguststraße/ Große Hamburgerstraße mit seinen Galerien und sympathischen Wirten kennt vermutlich auch jeder, den es interessiert. Für den nächsten Besuch habe ich mir jedenfalls ein Tänzchen in Clärchens Ballhaus vorgenommen.

Bemerkenswert vielleicht noch für alle, die auf der Suche nach besonders unwirtlichen Quartieren sind: Das Hotel Arena Inn in Wedding. Neonröhren von der unverändert belassenen Decke des ehemaligen Bürogebäudes lassen auch gesund gebräunten Teint fahl und krank erscheinen. Das winzige Bad ohne jede Ablage, dafür mit gelbfleckigem Duschvorhang(!) riecht intensiv nach Rauch, der in anderen Zimmer abgesondert wird und auch die Klopapierrolle, mangels anderer Aufbewahrungsmöglichkeit auf die eher nicht so saubere Klobürste aufgesteckt, hat Eventcharakter. Richtig toll wird es aber im Frühstücksraum, wo sich offenbar in der Zwischendecke ein Wespenvolk eingerichtet hat. Jedes Marmeladenschälchen muss den lästigen Biestern, die den Gast in Wolken umschwärmen, abgerungen werden. Mit besonderer Vorliebe kriechen die Tiere in die Röhrchen der Zuckerstreuer und verenden dann dortselbst. Ein Paradies für lebensmüde Wespenallergiker! Dafür ist das angebliche Dreistern-Hotel dann doch nicht soo günstig. Beim nächsten Mal probiere ich dann endlich eines der privat vermieteten Appartements in den Le Corbusier-Bauten.

Doch bis dahin ist erst einmal wieder Arbeit angesagt. Los geht’s!

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7 Antworten zu Deutschlandreise, Teil 3

  1. Wirre Welt Berlin schreibt:

    Wieviel Wahlurnen gab eigentlich in Amrun? Ich mein ja nur …

  2. Elis Fischer schreibt:

    …. inflationär ins Auge geschossene Rumpfbotschaften ….
    Allein für dieses Satzfragment, weil perfekte Definition des Wahlkampfs, erhältst Du ein großes LIKE!
    Und das nächste Mal kann ich Dir für Berlin was Nettes empfehlen … halt … stop … waren wir da nicht schon? Haben wir uns nicht in Berlin kennen gelernt?
    LG
    Elis

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Ja, das B&B wär eindeutig die bessere Wahl gewesen und dazu auch noch günstiger. Manchmal ist es ein Fluch, dass ich immer was Neues probieren will 😉
      Ja, lustig, gell, dass wir uns in Berlin kennengelernt haben, wo es doch so einfach wär sich in Wien zu treffen …

  3. Helmut schreibt:

    Grandiose Texte, super-witzig und trotzdem stimmig, kann ich zumindest für Berlin und Amrum voll bestätigen. Solltest öfter nach Deutschland reisen, vor allem in den Norden!
    In freudiger Erwartung auf hoffentlich baldiger Fortsetzung,
    moin, moin
    Helmut

  4. Nach 25 Sommern auf Amrum kann ich Dir nur beipflichten: Schweigen, damit nicht noch mehr passiert …

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