Poltern

Am Tag vor der Hochzeit traf ich Julia spätnachmittags am Ufer des Kaiserwassers. Kati war auch da. Wir tranken: Auf mein altes Leben als Soldatin und auf den anstehenden Neustart. Der Bruch so drastisch, wie jener vor sechs Jahren, auch dieser nur betäubt zu ertragen.

Auf fadenscheinigen Decken räkelten wir uns und blinzelten durch das Laubwerk in die tiefstehende Sonne, der Himmel so blau wie seit Wochen nicht mehr. So blau, wie wir bald sein würden.

Ein Kleinkind taumelte mit ausgebreiteten Armen auf uns zu, stolperte über den Rand der Decke und fiel auf alle Viere. Ich drehte mich zu ihm, den Kopf in die Hand gestützt, sagte: „Na, du Süßer“ und schnalzte mit der Zunge. Bald würde ich selbst Mutter sein, da konnte ich ebenso gut gleich anfangen zu üben. Lachend zeigte das Kind mir seine vier Zähne und krabbelte auf mich zu. Ich beobachtete, wie es Halt an meinem Shirt suchte und sich hochzog. Mit seinen aufgeblasenen Händchen patschte es auf die Waffe, die in meinem Hüftholster steckte.
Ich öffnete den Druckknopf und zog die Glock heraus, hielt sie ihm hin, und glucksend griff es nach dem Lauf. Jetzt musste ich auch lachen.

„Ja, du weißt, worauf es ankommt!“

„Nimm ihm das Ding weg!“, kreischte Kati und dann war auch schon die Mutter da. Ohne ein Wort packte sie das Kind mit beiden Händen um die Mitte und stolperte rückwärts davon, die Augen panisch aufgerissen.

„Du schaust ja, als hättest du Angst, wir könnten dein Dickerchen auf den Grill legen“, rief ich ihr nach.

„Grillen wär aber auch fein“, sagte Julia und kratzte sich am Stumpf unter der Prothese. Ohne aufzustehen ließ sie einen flachen Stein über das Wasser hüpfen, der drei Enten aufscheuchte. Flatternd stiegen sie auf, formierten sich, ein Geschwader auf der Suche nach dem nächsten Ziel.

Ich kämpfte noch immer mit meinem Ärger über Katis Anwesenheit. Wie ein Terrier hing sie an Julia, nicht loszuwerden. Ein Terrier, der sich in das fehlende Bein verbissen hatte.

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4 Antworten zu Poltern

  1. Elis Fischer schreibt:

    Böser, böser, böser Cliffhanger! Und ich bekomme das Buch erst am Dienstag!!!
    LG
    Elis

  2. Heike Duken schreibt:

    Seeehr spannend und ziemlich böse, da lauert was im Hintergrund. Und wenn eine Waffe vorkommt, wird sie wohl abgefeuert werden… Super geschrieben. Ich werde mir die Anthologie anschauen! Kein Wunder, dass du es beim Wettbewerb so weit gebracht hast 🙂

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