Tramway foan 2 – von Schurken und Helden

Man hat ja, zumindest in Wien, nicht oft das Bedürfnis, die Fahrer öffentlicher Verkehrsmittel zu Alltagshelden zu erklären. Ein gewisses Maß an Boshaftigkeit scheint durchaus zum Berufsbild zu gehören. Wer beim Straßenbahnfahrer-Assessment auf die Frage: „Wie reagieren Sie, wenn Sie an der Haltestelle jemanden auf ihr Fahrzeug zulaufen sehen?“ mit „Ich warte“ antwortet, kann sich vermutlich gleich nach einem anderen Job umsehen. Die korrekte Antwort lautet natürlich: „Ich schließe die Tür in dem Moment, da der potentielle Fahrgast sie erreicht und fahre unter triumphierendem Gebimmel ab.“

Es gibt allerdings Ausnahmen. Kundenorientierte Anarchos, die mir freundlich zunicken, wenn ich ihnen, an der roten Ampel wartend, flehende Blicke zuwerfe. Die dann tatsächlich warten und die Tür öffnen, anstatt im letzten Moment hämisch grinsend abzufahren. Und das, obwohl ich mit hängendem Kopf mutlos über die Straße geschlichen bin. Da fühle ich mich dann kurz als Stargast, bis die genervten Blicke der anderen Passagiere mich den Kopf senken lassen. Die haben es natürlich alle wahnsinnig eilig.

Hinter der Freundlichkeit des Fahrers nun aber eine perfide Strategie zu vermuten, könnte mir als Paranoia ausgelegt werden. Er hat also wohl nicht mit Absicht eine Straßenbahnladung termingetriebener Passagiere verärgert zum wohlfeilen Preis meines Glücks. Sicher wollte er einfach nur nett sein.
Damit solche Vorkommnisse nicht einreißen wird dann vermutlich per Stallorder der Verkehrsbetriebe eine Woche gnadenloser Rücksichtslosigkeit ausgerufen. Anders kann ich mir nicht erklären, wie Folgendes geschehen konnte:

Zu Fuß unterwegs passiere ich gerade ein auf dem Gehsteig geparktes Auto, als die Straßenbahn um die Ecke biegt. Der Wagen, ein riesiger SUV, steht wirklich denkbar dämlich am Eck, behindert Fußgänger und eben auch die Bim. Deren Fahrer verlangsamt zunächst das Tempo. Ich sehe sein Gesicht, sehe, wie er mit den Schultern zuckt und dann beschleunigt. Er touchiert den SUV. Es knirscht. Der Wagen schwankt unter dem Aufprall. Der Straßenbahnfahrer fährt weiter, erwischt das zurückfedernde Auto ein zweites, ein drittes Mal. Dann ist es geschafft, die Bim setzt ihren Weg fort. Auch die Fußgänger, die das Ereignis interessiert beobachtet haben, marschieren kopfschüttelnd weiter. Ich klemme dem Auto einen Zettel unter den Scheibenwischer, auf dem ich meine Zeugenschaft bekunde. Endlich eine Gelegenheit zur Rache. Es folgt – Monate später – eine Vorladung bei der Polizei. Meine Aussage wird protokolliert. Ob der Straßenbahnfahrer eine Verwarnung oder das goldene Ehrenzeichen der Wiener Verkehrsbetriebe erhält erfahre ich leider nicht.

Seit Neuestem aber bin ich von Zweifeln geplagt, ob Bosheit tatsächlich das oberste Unternehmensziel darstellt. Auf dem Weg zu einem Konzert ergattern mein Mann und ich in der ansonsten vollen Bim zwei nebeneinanderliegende Sitzplätze. Schon bald erschließt sich deren Verfügbarkeit. Uns gegenüber sitzt ein heruntergekommener Mann, der laut seine Einsichten bezüglich einer adäquaten Ausländerpolitik kundtut, Arbeitslager die mildeste der von ihm geforderten Maßnahmen. Besonders hervorhebenswert finde ich, dass von den anderen Fahrgästen keinerlei Unterstützung kommt. Ausnahmslos alle sind angewidert.

Ich muss natürlich anfangen mit dem vermutlich mental Herausgeforderten zu diskutieren und mache ihm damit eine große Freude. Immer radikaler werden seine Vorschläge zur Beschäftigungspolitik im Allgemeinen und geeigneten Verfahrensweisen im Umgang mit Menschen wie mir im Besonderen. Längst habe ich meine Niederlage akzeptiert und sitze still da. Er hört nicht auf. Ich gehe zur Fahrerkabine, die in dem Fall eine Fahrerinnenkabine ist.
Eine junge Frau türkischer Herkunft (Namensschild, nicht Vorurteil) sitzt dort und kocht selbst schon fast vor Wut, als ich sie bitte, den Störenfried hinauszuwerfen. Ist natürlich Blödsinn, denn wie soll die zarte Person das machen? Doch sie nickt knapp. An der nächsten Haltestelle eine Durchsage: „Achtung, wegen eines Brandes im Wagon bitte alle aussteigen!“
Der Irre springt als erster auf, stürzt zur Tür. Die Fahrerin lehnt sich aus ihrer Kabine und bedeutet den anderen Passagieren mit Handzeichen sitzenzubleiben. Alle verstehen. Erleichterung breitet sich aus, Aufatmen, Lachen sogar, und als die Straßenbahn ohne den Verbalverbrecher weiterfährt gibt es tatsächlich Applaus. Chapeau für die einfallsreiche Fahrerin!

Nun frage ich mich: Sind die Fahrer und Fahrerinnen der Wiener Verkehrsbetriebe womöglich einfach Durchschnittsmenschen mit Ausreißern nach oben und nach unten, netten und weniger netten? Weitere Studien folgen …

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