Glück oder das geheime Leben der Gasthermen

Heute widme ich mich einer Phrase, die meine Freundin Gabi auf Facebook in die Runde geworfen hat. Die Lebenserwartung einer Gastherme steht dort auf Platz 6 der Top Eleven ihres Wörterdschungels 2013.

Die Lebenserwartung einer Gastherme sei mit etwa zwanzig Jahren anzusetzen, die der unseren neige sich also langsam ihrem Ende zu, so gab auch unser Installateur bei der letzten Wartung zu bedenken. Es empfehle sich also in den nächsten Jahren mit einer größeren Ausgabe zu rechnen. Ein nicht unberechtigter, allerdings rein materialistischer Ansatz, der die Augen verschließt vor dem eigentlichen Wunder: Dem Wunder des Lebens an unvermuteter Stelle.

Mit dem Leben in der Tiefsee haben wir uns dank wagemutiger Naturforscher zumindest televisionär auseinandergesetzt. Auch mit fremden Zivilisationsformen in weit entfernten Planetensystemen sind wir seit den Abenteuern der Enterprise so vertraut, dass uns der vulkanische Gruß als annehmbare Alternative zum Handschlag erscheint. (Vor allem bei Neigung zu Schweißhänden lässt sich so manche peinliche Situation vermeiden, während man gleichzeitig einen weltoffenen Anstrich erweckt.)

Doch wer hat sich schon Gedanken gemacht über das heimliche Leben der Gasthermen? Jahrzehntelang dienen sie uns meist stumm, gurgeln und fauchen höchstens ein wenig vor sich hin, ohne dass wir das je als einen Versuch der Kommunikation gedeutet hätten. Stationär gebunden wie die Seeanemone verfügen sie doch nicht über deren anmutiges Äußeres und vermögen unsere Aufmerksamkeit daher nur durch gelegentliche Defekte auf sich zu ziehen. Ein trauriges Schicksal, das engagierte Thermenfreunde an jene Kinder gemahnt, denen nichts anderes mehr einfällt als durch beharrliches Missverhalten Reaktionen ihrer lieblosen Eltern zu provozieren.

Glücklich die Gastherme, die ihre Zeit in Gesellschaft einer Waschmaschine verbringen kann, die zumindest etwas kommunikationsstärker erscheint als Badewanne oder Waschtisch und vom Fachpersonal ebenfalls zu den lebendigen Haushaltsgegenständen gerechnet wird. Die Lebenserwartung einer Waschmaschine beträgt übrigens etwa acht Jahre. Ein bedrohlicher Rückgang seit meiner Jugendzeit, als Waschmaschinen oft zwanzig Lebensjahre erreichten. Leichtfertig schiebt man diese Verkürzung der Lebensdauer oft auf die Fabrikation – Stichwort Sollbruchstellen – ohne zu bedenken, dass sich früher die Menschen einfach mehr Zeit für ihre Haushaltsgeräte genommen haben. Welches Kind sitzt im Zeitalter der Computerspiele noch fasziniert vor dem Bullauge und beobachtet die herumwirbelnden Wäschestücke?

Ich werde mir jetzt einen Kaffee bereiten, dabei ein wenig Smalltalk mit der Espressomaschine führen und meine Tasse dann auf einem Hocker vor der Therme leeren. Wenn sie mein Interesse bemerkt, dann fasst sie vielleicht Vertrauen und teilt einige spannende Erlebnisse aus ihrem stillen Leben mit mir. Und wer weiß, ob ich mir damit nicht die eine oder andere Reparatur erspare. Glück – das ist durch eine Vielzahl an Studien bewiesen – wirkt lebensverlängernd.

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2 Antworten zu Glück oder das geheime Leben der Gasthermen

  1. go schreibt:

    sehr gern gelesen…………

    folgende thematik bleibt mein unverständnis:
    während wir menschen immer älter werden, verkürzt sich im gleichen maße die lebensdauer der dinge, die wir für die lebensqualität brauchen…

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Nur, weil wir ihnen weniger Wertschätzung und Verständnis entgegenbringen als frühere Generationen 😉 Oder weil mit Absicht Schwachstellen eingebaut werden, damit wir öfter das Vergnügen haben uns etwas Neues zu kaufen …

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