Wer schreibt, der bleibt. Oder drückt sich aus. Ein Suchtbekenntnis

Wer schreibt, der bleibt. Ein Spruch, den man im Geschäftsleben so häufig hört, dass man ihn schon nicht mehr hören kann und trotzdem beherzigen sollte. E-Mails, Aktennotizen, Verträge, Protokolle, nur was schriftlich festgehalten wird, gilt letztendlich im Streitfall, der ungeachtet aller idealistischen Hoffnungen auch unter sogenannten Geschäftsfreunden leider allzu häufig eintritt. Da heißt es den inneren Schweinehund niederringen, der sich meist allem anderen lieber widmen würde, und vermeintlich Selbstverständliches in Worte fassen.

Wer schreibt, der bleibt im Gedächtnis der Nachwelt. Das denkt sich mancher und beschließt, eines Tages ein Buch zu schreiben. Wenn das Haus gebaut, die Kinder großgezogen, der Apfelbaum gepflanzt, die Katze gefüttert, die Wäsche gewaschen und endlich keine Arbeit mehr ist, dann!

Die schlechte Nachricht: Wenn das tragendes Motiv ist, dann wird vermutlich nichts aus dem Plan. Ist auch besser so. Weil entgegen weitverbreiteten Wunderglaubens nicht in jedem, der einen einigermaßen fehlerfreien Satz zu bilden weiß, gleich ein Literat von Weltformat schlummert. Weil nur ein winziger Bruchteil aller geschriebenen Romane jemals zur Veröffentlichung gelangt. Weil das dann immer noch rund 80.000 Titel sind, die jedes Jahr allein in Deutschland in Erstauflage erscheinen. Rein rechnerisch also schlechte Chancen, es auf die Bestsellerlisten oder gar die Leselisten künftiger Schülergenerationen zu schaffen. Wer also reich und berühmt werden will, sollte sich lieber der Entwicklung eines wirksamen  Medikaments gegen Krebs oder der Schaffung des Weltfriedens verschreiben.

Was treibt dennoch so viele Menschen wie nie zuvor Kurzgeschichten, Romane, Gedichte zu schreiben? Das wollte ich im Zuge einer Umfrage auf Facebook herausfinden. Die ist in etwa so repräsentativ wie jene diverser faltenmindernder Hautcremes. (Bei 12 von 14 Testpersonen wurde eine Reduzierung der Faltentiefe um bis zu 30% gemessen.)

Die schlichte Antwort eines Kommentierenden: Es muss in einem stecken. Ergänzung von mir: Es muss auch heraus wollen. Die meisten mir bekannten Autorinnen und Autoren, das hat sich auch hier bestätigt, haben schon in der Kindheit Geschichten oder Stücke fürs Puppentheater verfasst oder sind spätestens in der Pubertät durch selbst verfasste Liebeslyrik auffällig geworden. Viele sind Tagebuchschreiber, andere hat das Lob erster Leser motiviert. Bei manchen ist der Ausdrucksdrang vorübergehend unter die Räder der Alltagsmaschinerie geraten. Unter diesen hat mir besonders der Werdegang der Kollegin Brigitte Pons gefallen.

Brigitte: Eigentlich würde ich ja sagen, dass man das (Anm.:das Schreiben) nicht „beschließt“. Dass es vielmehr so ist, dass der Text den Autor findet, von dem er geschrieben werden will. Aber das klingt schon ein bisschen verwegen …
Ein Schlüsselerlebnis kann ich aber auch bieten. Mit siebzehn wollte ich einen Roman schreiben und hatte eine Idee, habe diese grob skizziert und kam etwa bis Seite dreißig. Dann kam das Leben dazwischen. Mit Mitte dreißig fand ich die Zettel im Schrank. Und weil ich mit meinen Kindern immer schimpfte, weil die nix fertig machten, dachte ich: kümmere dich mal um deine eigene „Leiche“ im Keller. Und seit dem geht es nimmer ohne … Beste Entscheidung ever. Fazit: Schränke aufräumen bringt manchmal ungeahnte Ergebnisse!

Und wie war das bei mir? Auch ich habe natürlich im Grundschulalter Geschichten über abenteuerlustige Häschen und kindliche Reiterinnen begonnen. Immer nur begonnen, weil so viel Wichtigeres zu tun und vor allem zu erleben war. Später hat sich mein Ausdrucksdrang in Richtung der Kunst verlagert, ich habe gemalt und gezeichnet und bin schließlich Architektin geworden. Ein Exfreund, dem ich sonst nicht allzu viel Gutes nachsagen kann, hat die Schreibsucht in mir geweckt. Er wollte ein Buch schreiben, mit mir gemeinsam. Nachwelt, ewiger Ruhm etc.. Sein zugesagtes erstes Kapitel kam nie, also schrieb ich es. Aus seiner Perspektive. Er fühlte sich ertappt, durchschaut und das Ende der Beziehung ließ nicht lange auf sich warten. Mehrere Jahre vergingen, während derer  der Wunsch weiterzuschreiben Gelegenheit hatte, sich in jede meiner Körperzellen zu fressen. Ein Reitunfall verschaffte mir eine zwar schmerzvolle aber dennoch willkommene Auszeit vom stressigen Leben als Freiberuflerin. Anstatt im Bett fernzusehen schrieb ich meine Geschichte weiter. Und kann nicht mehr aufhören.

Ich schreibe, weil ich etwas zu erzählen habe und mir nichts auf der Welt dauerhaft so viel Freude macht, wie das richtige Wort, den richtigen Satz zu suchen und zu finden.

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2 Antworten zu Wer schreibt, der bleibt. Oder drückt sich aus. Ein Suchtbekenntnis

  1. rocknroulette schreibt:

    „Wenn das Haus gebaut, die Kinder großgezogen, der Apfelbaum gepflanzt, die Katze gefüttert, die Wäsche gewaschen und endlich keine Arbeit mehr ist, dann!“ … den satz mochte ich ebenso sehr wie dass es nicht nur in einem stecken, sondern auch herauswollen muss.
    außerdem hast du damit schön formuliert das auf den kopf getroffen, was einem eigentlich an allem hindert, was das leben lebenswert macht. oder hindern kann, wenn man es lässt

  2. Nina Ryschawy schreibt:

    Schreiben um zu Schreiben…nicht um reich oder gar berühmt zu werden. Wenn man stundenlang die Seiten vollschreibt (bei mir im ersten Stadium richtig altmodisch mit Füllfederhalter und Tinte) und sich dann irgendwann zurücklehnt in dem Wissen, dass man etwas geschaffen hat. Unschlagbar!

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