Vorsatz, Hauptsatz, Entsatz

Ganze fünf Tage verfolgte ich meinen Vorsatz mit Nachdruck, dann gab ich auf.

Nein, nein, nicht Mord. Ich habe mich nur zum ersten Mal der Jahresendmode gebeugt und einen gesundheitsfördernden Neujahrsvorsatz gefasst. Heimlich natürlich, um mich im Fall des Scheiterns nicht öffentlicher Häme auszusetzen, denn wer kann schon die nachhaltige Umsetzung im kollektiven Rausch gefasster Pläne garantieren?

Nun frage ich mich, ob diese Besonderheit des Neujahrsvorsatzes sich auch im Strafrecht niederschlägt? Immerhin verriete die tatsächliche Ausführung eines in der Silvesternacht geplanten Verbrechens ein ganz außerordentliches Maß an krimineller Energie. Das müsste sich doch strafverschärfend auswirken.

Sind in der Kriminalhistorie womöglich bereits Serienmörder aufgetreten, die ihre Taten ausschließlich am 31.12. planen? Wenn ja, dann sollte mal jemand  darüber schreiben. Einen Thriller, knallhart, nur Hauptsätze. Noch besser: Unvollständige Sätze. Wortfetzen. Macht man heute so. Dreckig. Direkt. Gnadenlos. Der Hauptsatz ist das neue Noir. Der Hauptsatz ist nach dem Herzschlag getaktet. Der Hauptsatz treibt die Handlung vorwärts.

Mich allerdings macht derart reduzierte Stakkatoprosa nervös. Ich mag mich nicht permanent getrieben fühlen. Das Zauberwort für gute Lesbarkeit lautet für mich Vielfalt. Variiertes Tempo, Einwortsätze zwischen solchen, die sich gerne auch mal über drei Zeilen oder mehr erstrecken dürfen, treffen meinen Geschmack. Ganz entgegen der Mode reißen mich auch Adjektive und Adverbien nicht so sehr aus dem Lesefluß wie gleichförmiger Rhythmus. Die Lust, in einem verschachtelten Satz die Komplexität des Lebens abgebildet zu sehen, wiegt für mich in der Literatur im Zweifelsfall schwerer als die leichte Erfassbarkeit von Sachverhalten.

Anders stellt es sich in der Sachliteratur oder gar in Schulbüchern dar. Dort ist die verständliche Darstellung komplexer Sachverhalte gefragt. Eine Aufgabe, an der Generationen von Schulbuchautoren scheitern können, wie das Beispiel Entsatz zeigt.

1683 beendete das Entsatzheer unter der Führung des polnischen Königs Johann Sobieski die Zweite Wiener Türkenbelagerung. So wie ich musste auch meine Tochter in der vierten Klasse diesen Satz lernen, der sich offenbar aus einer zum Glück längst vergangenen Zeit gehalten hat, in der militärisches Vokabular noch allgemein gebräuchlich war. Vielleicht war meiner alten Lehrerin der Begriff Entsatzheer noch so selbstverständlich, dass sie es für überflüssig hielt ihn zu erläutern. Was er bedeutet, fand ich jedenfalls erst heraus, nachdem ich die Lehrerin meiner Tochter dazu befragte. Die hatte nämlich davon abgesehen den Entsatz zu erläutern, weil sie nicht den Schimmer einer Ahnung hatte, worum es sich handelte.

Wikipedia weiß mehr: Entsatz ist eine militärische Operation, um eine Truppe von außen aus einer Einschließung zu befreien und ihr dadurch wieder Handlungsfreiheit zu verschaffen. Logisch eigentlich. Das Gegenteil von Besatzung ist Entsatzung. Liebe Lehrerinnen und Lehrer, die rote Unterwellung des Wortes durch die Rechtschreibprüfung sollte Anlass genug sein, künftigen Zehnjährigen dieses ungebräuchliche Wort zu erklären. Oder sich auf wichtigere Lerninhalte zu verlegen.

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7 Antworten zu Vorsatz, Hauptsatz, Entsatz

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Ui, das ist der Lehrerin aber hoffentlich peinlich… Auf die Idee, das Wort nachzuschlagen, hätte sie auch selbst kommen können.

    Was die Stakkatoprosa betrifft, sehe ich das genauso. Ich selber tendiere leider eher zum Bandwurmsatz, was natürlich als anderes Extrem nicht wirklich besser ist, aber auch hier macht Übung (hoffentlich eines Tages) den Meister.

    Dafür ist dieser Beitrag ein meisterliches Beispiel für die Kunst des Themenübergangs. Sehr elegant! 🙂

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Lehrerinnen sind halt auch Gewohnheitstiere und so ein Wort, tausendmal gehört und gesagt, wird wohl nicht so leicht hinterfragt. Außerdem war vor ca. 10 Jahren, als meine Tochter in der Vierten war, das Nachschlagen im Internet noch nicht sooo gebräuchlich. Kann man sich jetzt gar nicht mehr vorstellen …

      • 500woerterdiewoche schreibt:

        Das stimmt natürlich. Aber ich bin ziemlich sicher, dass es auch vor zehn Jahren schon Lexika in Papierform gab… 😛 Andererseits, Lehrer sind auch nur Menschen, und das mit der Gewohnheit ist schon wahr 🙂 Bestimmt hat sie es nach dem Gespäch auch nachgeschlagen und kann das Wort jetzt zumindest allen nachfolgenden Schülergenerationen erklären.

      • gudrunlerchbaum schreibt:

        kanntest du das Wort eigentlich?

      • 500woerterdiewoche schreibt:

        Nö. Zum Glück bin ich keine Geschichtslehrerin 😉 Aber ich war schon kurz vor dem Klick zu Wikipedia, als du es dann erklärt hast.

        Der Satz kam in meinem Geschichtsunterricht aber auch nicht vor – in Deutschland werden die Türkenkriege eher stiefmütterlich behandelt.

  2. gudrunlerchbaum schreibt:

    Ach so, klar, das ist sicher ein Spezifikum des österreichischen, wenn nicht wienerischen Geschichtsunterrichts 🙂

  3. Klaus Gröll schreibt:

    Ich bin ja in erster Linie entsetzt, dass Volksschulkinder heute überhaupt noch mit dem „Entsatz“ konfrontiert werden.
    Das ist nämlich das einzige militärische Ereignis, das im Unterricht vorkommt. Dabei wurde Wien in seiner Geschichte auch von Ungarn und Schweden, Napoleon und den Alliierten und wohl noch einigen anderen besetzt…
    Detail am Rande: Der heldenhafte Polenkönig, der in dieser Geschichte auch nie fehlen darf, hat die Rettung des christlichen Abendlandes damit bezahlt, dass die geretteten sein Land im Lauf der nächsten hundert Jahre komplett untereinander aufgeteilt haben…

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