Tugendterror und Verdauungsprobleme – eine werkfreie Rezension

Jahre ist es her, dass ein Freund den Begriff der werkfreien Rezension* geprägt hat, der sich im Literaturbetrieb jedoch, trotz reichen Bedarfes, noch nicht durchsetzen konnte. Es handelt sich dabei um Rezensionen, denen deutlich anzumerken ist, dass der Rezensent sich mit dem Werk nicht angemessen auseinandergesetzt, respektive es gar nicht gelesen hat.

Soweit möchte ich naturgemäß nicht gehen, wenn ich heute auf ein Buch bezugnehme, dass ich weder gelesen habe, noch zu lesen beabsichtige, weil mich weder Autor noch Thema ansprechen. Wie die Tageszeitung Der Standard gestern berichtete, hat Thilo Sarrazin, Ex-Finanzsenator in Berlin und Ex-Bundesbank-Vorstand, nach seinem bahnbrechenden – oder immerhin gelegentlich zum Erbrechen reizenden – Werk Deutschland schafft sich ab nun wieder ein Buch veröffentlicht: Der neue Tugendterror in Deutschland. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland, erschienen in der Deutschen Verlagsanstalt.

Gehe ich zu weit, wenn ich vermute, dass es sich um weitgehend redundantes Gesuder über jene handelt, die Herrn Sarrazins Meinung nicht teilen? Die Redundanz schreit mir schon aus dem geschwätzigen Titel entgegen. Kurz und knackig ist etwas anderes. Dazu zweimal das Wort Deutschland, als handle es sich um das repressivste Land der Welt, als fände der Autor im Ausland mehr Zustimmung (was ich zumindest für Österreich verneinen kann), als knüpfe der neue Tugendterror an einen alten an, womit Herr Sarrazin sich quasi zum verfolgten Dissidenten aufschwingt.

Doch in jedem Buch findet sich mindestens ein bedenkenswerter Satz. Das zumindest ist die These, mit der ich mich bei ödem Lesestoff zum Durchhalten zu motivieren suche. In diesem Fall hat mir Der Standard die Lesearbeit abgenommen und folgendes Juwel vermutlich von Verdauungsproblemen getriebener Prosa zitiert: Beleidigt hatte ich das Weltbild der Verharmloser und Schönfärber im harmoniefreundlichen Müsli-Milieu.

Ein Satz, der auf den ersten Blick zum Gähnen anregt und an die altbekannte Diktion hiesiger Rechtspolitiker gemahnt, die sich ja auch nur allzu gern als verfolgte Freiheitskämpfer aufspielen. Das Wort Gutmenschen stand sicherlich ebenfalls in dem Satz und wurde nachträglich vom Lektorat gestrichen. Soweit also nichts Neues. Doch wie meistens ist der Text weiser als der Autor und so eröffnet der Begriff harmoniefreudiges Müsli-Milieu Perspektiven, die Herrn Sarrazins eingeschränktem Blickfeld vermutlich verborgen geblieben sind.

Selbst keine Müsli-Liebhaberin und trotzdem Herrn Sarrazins Thesen nicht unbedingt wohlgesonnen, habe ich nicht den Eindruck, die Vorliebe für ballaststoffreiches Frühstück ginge gemeinhin mit einem bestimmten Weltbild einher. Vom stockkonservativen Bankenvorstand über die liberale Jungunternehmerin bis zum spätmarxistischen Künstler wird die verdauungsfördernde Wirkung von Cerealien geschätzt. Schließlich muss man sich nicht damit abfinden, den ganzen Tag einen Druck in den Eingeweiden zu verspüren, der sich womöglich nur dadurch lindern lässt, dass man ihn in Form übler Laune an seiner Umwelt auslässt. Sollte also ein wahrer Kern in der Behauptung stecken, dass Müsli-Esser harmoniebedürftiger sind als, sagen wir, Marmeladenbrotliebhaber, so kann der Grund nur in deren entspannter Digestion liegen.

Warum also nicht neue Wege gehen? Werden Birchermatsch und Haferkeks bei Friedensverhandlungen bald Standard sein? Können Obstsalat und Knuspermüsli in der Kantine das Harmoniebedürfnis von Polizisten vor Demonstrationseinsätzen stimulieren? Weizenkleie für Assad? Ein belasteter Darm ist die Quelle vieler Krankheiten, warum nicht auch die der Aggression?

Nicht zu unterschätzen also die subversive Kraft des Autorenkollegen Sarrazin. Schlecht?

*© thomay

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2 Antworten zu Tugendterror und Verdauungsprobleme – eine werkfreie Rezension

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Hmm… zumindest bedenkenswert. Das Frühstück als erste Mahlzeit des Tages setzt ja quasi den Ton für jede weitere Auseinandersetzung, und ein Zusammenhang von Verdauung und Emotionen ist soweit ich weiß wissenschaftlich recht gut belegt. Ein spannender Forschungsansatz!

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