Mallorca ohne Malle – Teil 1

„Aha, Mallorca. Na, soll ja auch schöne Ecken geben.“ So etwa die Begeisterungsspitze im Freundeskreis, als wir verkündeten unseren Kurzurlaub auf der Insel verbringen zu wollen, die jeder kennt, die so sehr zu Malle geworden ist, dass die korrekte Aussprache (Majorca!) oft auch von gebildeten Menschen angezweifelt wird.

Das mit den schönen Ecken hatte ich auch gehört und bei meinem ersten Aufenthalt auf der Baleareninsel nicht verifizieren können. Allein mit einer Dreijährigen, die beim Autofahren in jeder Kurve kotzt, verbot sich eine Erkundung der Tramuntana und auch die Besichtigung mittelalterlicher Dörfer hätte mehr Stress als Freude gebracht. Mit meinem Mann hingegen geht das und der war bis kürzlich auch der vermutlich einzige Mensch in Mitteleuropa, den es noch nie nach Mallorca verschlagen hatte. Die günstigen Tarife für Flug und Mietwagen gaben dann den Ausschlag für den Selbstversuch.

Als Stützpunkt für unsere Erkundungen fielen sämtliche Badeorte aufgrund meiner Paguera-Erfahrung aus. Eine einstündige Erkundung des lärmenden Kaffs hatte mich vor Jahren japsend zurück in die ruhige Appartementsiedlung getrieben, in der ich den ersten, damals noch elterngesponserten Urlaub mit Kind verbrachte. Mallorquinische Küstenorte sind – wenig überraschend – mit den Bedürfnissen eingefleischter Individualreisender nicht vereinbar, wobei ein marginaler Unterschied zwischen Haupt- und Nebensaison besteht. Die geradezu sprichwörtlichen verschlafenen Fischerdörfer jedenfalls muss man auf Mallorca nicht suchen, die gibt es nicht (mehr).

Wir entschieden uns für die Altstadt von Alcudia, ein von einer Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert umfangenes, vorbildlich restauriertes Städtchen am Fuß einer Landzunge im Nordosten. Gemütliche 20 Gehminuten landeinwärts des äußerst verwechselbaren Badeortes Port d’Alcudia gelegen, wohnen hier noch Einheimische. Die Hotels sind in historischen Gebäuden untergebracht, umfassen selten mehr als sechs Zimmer, legen Wert auf authentisches Ambiente und unterwerfen sich nicht bedingungslos dem Geschmack der ausländischen Gäste. Dazu kann man stehen, wie man will. Ich fand es amüsant, dass die ansonsten sehr entgegenkommende Wirtin des Can Tem sich weigerte den englischen Gästen täglich Eier zum Frühstück zuzubereiten. Kein großer Verlust, da ihr Repertoire sich auf harte Eier beschränkte. Schließlich gab es eine Vielzahl ortstypischen Süßgebäcks, Brot, selbstgemachte Marmeladen und als Zugeständnis an die deutschsprachigen Gäste etwas Salami, Schinken und Käse. Unser Zimmer war geschmackvoll eingerichtet, verfügte über ein riesiges Bad und eine private Terrasse.

Auch die Stadt Pollença mit ihren typisch mediterranen Gassen, der beeindruckenden Templerkirche Nostra Senyora dels Angels, der römischen Brücke und den Cafés auf der schnuckeligen Plaça Major vermittelt perfektes Urlaubsgefühl. Die Hauptrolle im Norden Mallorcas spielt aber tatsächlich die Natur. Vom Gebirgsmassiv der Serra de Tramuntana, jetzt im Frühling saftig grün und blütenbesteckt, bieten sich atemberaubende Ausblicke, und allein die Tatsache, dass wir wetterbedingt keine Gelegenheit hatten, die wenige Meter breite und bis zu 200 Meter tiefe Schlucht des Torrent de Pareis bis zum Meer zu durchwandern, könnte Grund genug liefern, Mallorca ein weiteres Mal zu besuchen.

Natur also rund um die fast durchwegs gut ausgebauten Serpentinen. Auf den Straßen tausende, ach was, Millionen von Rennradfahrern. Zu dritt und zu viert nebeneinander hecheln sie in endlosen Kolonnen bergauf und fetzen bergab, ohne sich im Mindesten um den spärlichen Autoverkehr zu kümmern.

Alle sind da: Die Helden, die mit ekstatischem Gesichtsausdruck kurz vor dem Gipfel noch einmal so richtig in die Pedale treten, um dann oben in lässiger Triumphpose auf ihre schnaufenden Kameraden zu warten; die harten Arbeiter, die sich im Kampf gegen die Leibesfülle konzentriert in gemäßigtem Tempo den Hang hinaufquälen; die Selbstüberschätzer, deren rote Köpfe und verzweifelte Mienen bereits im unteren Drittel der anspruchsvollen Aufstiege den Gipfelsieg unmöglich erscheinen lassen. Zu hunderten liegen sie röchelnd im Straßengraben zwischen Fächerpalmen und blühendem Ginster oder müssten dies zumindest unseren Berechnungen nach tun, den keiner schiebt!

Und tatsächlich sehen wir natürlich weder Tote noch Sterbende. Es ist für mich das größte Rätsel von Mallorca, wie all diese offensichtlich Untrainierten das ständige Auf und Ab überleben. Gibt es abendliche Ambulanzpatrouillen, die erschöpfte, verletzte oder herzkranke Radler von den Straßen entfernen, um die Wege für den Ansturm des nächsten Tages zu räumen? Können Stolz und Konkurrenz so motivierend sein, dass man über Stunden und Stunden die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit überschreitet? Oder drehen die Überforderten kurz nach einer Kurve, gerade noch unbeobachtet von den folgenden Horden, um und rollen fröhlich pfeifend den Berg wieder hinab, um sich im nächsten Ort ein Taxi zu rufen?

Bei all diesen Fragen ist mein Mann mir wenig Hilfe, denn der unterdrückt mit sehnsüchtigem Blick seine Tränen und den Drang auf der Stelle anzuhalten und einem der Entgegenkommenden das Rad unter dem Hintern wegzureißen, um sich den Helden anzuschließen. Sein Platz im Auto wäre dann frei … ach, so geht das!

Im zweiten Teil erfahrt ihr vom Wunder der einsamen Bucht und einem Tag in Palma.

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Eine Antwort zu Mallorca ohne Malle – Teil 1

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Danke für den schönen Bericht! Der bringt ein bisschen Urlaub in mein Büro 😉 Ich freu mich auf Teil 2.

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