Mallorca ohne Malle – Teil 2

Ich erwachte neben einem fremden Mann, den ich nach der ersten Schrecksekunde als jenen Radler wiedererkannte, dem mein Mann während unseres Ausfluges in die Tramuntana die Rennmaschine entwendet hatte. Mir war nichts anderes übriggeblieben als ihn auf dem nun freien Beifahrersitz im Auto mitzunehmen und mich seiner verletzten Seele und seines geschundenen Körpers anzunehmen.

Alles nicht wahr, behauptet mein Mann und ich solle möglichst davon Abstand nehmen, die Grenzen zwischen Realität und Phantasie zu verwischen, wenn es dabei um fremde Männer ginge. Keine fremden Männer also in meinem Hotelbett, dafür ein Abstecher zum Fahrradverleih. Alle Rennräder reserviert oder ausgeliehen, heldenhaftes Erobern der Gebirgswelt nur noch mit Mountainbike oder ungestaltem Hybridgerät (Mountainbike-Rahmen mit Rennradrädern) möglich. Auf Letzteres warf sich der Mann und entschwand gen Cap de Formentor.

Schutzlos zurückgelassen war ich gezwungen mir die qualvollen Stunden der Einsamkeit in Strandcafés mit Meerblick und auf der sonnigen Terrasse unseres Zimmers lesend und sinnierend zu vertreiben. Hat prima geklappt!

Wonach jeder im Süden sucht, das fanden wir am nächsten Tag nur wenige Kilometer von unserem Quartier entfernt auf der Nordseite der Landzunge: Eine einsame Bucht inklusive idealtypischer Bar über dem Meer. S’Illot heißt der zauberhafte Fleck, im Sommer vermutlich unter schwitzenden Leibern und Autolawinen verborgen, Anfang April die Erfüllung des Mittelmeertraumes, was nicht zuletzt daran lag, dass das Hotel am Hang darüber noch geschlossen war.

Ein malerischer Fels im Meer also vor dem sanft geschwungenen, sandig-kiesigen Strand. Höchste Zeit für den Mann, die zweite obligatorische Heldentat ins Werk zu setzen, sich die Kleider vom Leib zu reißen und – nein, nix Romantisches, bloß ein Bad im eisigen Salzwasser. Sicher sehr gesund. Bis zu den Waden war ich auch drin. Erst nach etwa einer halben Stunde bekamen wir Gesellschaft von drei einheimischen Mädchen mit Hunden und verzogen uns hinauf in die terrassenförmig angelegte Bar oberhalb des Strandes. Eine hervorragende Entscheidung! Die nächsten Stunden verbrachten wir faul aus dem Halbschatten übers Meer blickend, zunächst fast allein. Um die Mittagszeit füllte die Bar sich dann mit den allgegenwärtigen Radlern, dazu teuer gekleideten Münchnern und Hamburgern, die es offenbar vom nahegelegenen Jachthafen hertrieb, alle vereint bei hervorragendem Kaffee, Wein und ebensolchen Tapas.

Ob dies nun ein Platz ist, den ich immer wieder aufsuchen möchte oder einer, den ich niemals wieder besuchen will, weil ich den perfekten Moment schon erwischt habe? Jedes Mal ist das eine schwierige Entscheidung, wobei ich mich in ähnlichen Fällen meist für Letzteres entschieden habe.

Palma dann am letzten Tag, volles Programm mit Kathedralen-Besichtigung und Stadtrundfahrt im Hop-on-hop-off-Bus. Ersteres sollte man tun, Zweiteres lassen, jedenfalls, wenn man auf sinnvolle Informationen aus ist. O-Ton aus unerträglich schepperndem Kopfhörer: Wir fahren jetzt über die Straße, die nach der Brücke benannt wurde, die über den Fluß geführt hat, der früher hier geflossen ist und dann umgeleitet wurde. Aha. Und die Straße heißt wie?

Dass Palma nicht gerade touristenfrei war, hat uns weniger überrascht als die Tatsache, dass überhaupt noch Einheimische in den Cafés zu finden sind. Beispielsweise in der etwas versteckt hinter einer Kirche liegenden Tapas-Bar L’Ambigù, die ich sofort adoptieren und in Wien in meiner Straße absetzen würde, wenn ich etwas mehr Ahnung von Magie hätte. Die besten Albondigas, mindestens von Mallorca, auch die Tortilla 1a und dazu der freundliche und durchaus schnuckelige Kellner. Hach!

Das wegen unaufschiebbarer sanitärer Bedürfnisse aufgesuchte Café in der Avenida D’Antoni Maura hingegen schien uns weitgehend charmefrei. Dicht besetzt mit schlauchbootlippigen Endsechzigerinnen ohne nennenswerte Mimik, die sich, schwer beladen mit Boutiquenware, über ihre neuesten Immobilienkäufe und die Abwesenheit der Ehemänner beklagen, ist es jedoch sicher ein heißer Tipp für Männer, die sich schon immer mal als Gigolo versuchen wollten.

Ganz erstaunlich: Die hohe Fakirdichte in Palma. Fakire aller Hautfarben schweben unbeweglich im Schneidersitz, halten sich mit der Rechten an Stäben fest, die Traggestelle unter orientalischen Gewändern verborgen. Ist das was Neues? Sind Fakire die Ablösung der goldfarbenen Statuen, die stoisch unsere Fußgängerzonen schmücken? Wann kommt das nach Wien?

Wir waren auf Mallorca und siehe: es war gut!

 

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4 Antworten zu Mallorca ohne Malle – Teil 2

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Ja, das klingt toll 🙂

    „Schutzlos zurückgelassen war ich gezwungen mir die qualvollen Stunden der Einsamkeit in Strandcafés mit Meerblick und auf der sonnigen Terrasse unseres Zimmers lesend und sinnierend zu vertreiben.“ – Wie grausam! Ich bin froh zu hören, dass du dieses schreckliche Erlebnis überstanden hast 😉

  2. Claudia Zimmer schreibt:

    Die Fakire gibt es längst auf Kärntnerstraße und Graben – kommst nicht mehr so oft in die City, gell?

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