Komma, Ellipse, Prädikat – fertig ist das Lektorat

„Das würde mich wahnsinnig nerven, wenn da jemand an meinem Text herumfummelt”, meinte Maria als ich vor einigen Wochen erzählte, dass demnächst das Lektorat für meinen ersten Roman anstünde.

Nun durchläuft meiner Erfahrung nach jedes kreative Werk einen Prozess bis es fertig ist, und man sollte im Laufe dessen auch den Blick von außen nicht nur aushalten, sondern regelrecht suchen. Ihn zu scheuen wäre schon deshalb absurd, weil man ja letztendlich möglichst viele fremde Leserinnen und Leser überzeugen will, die keinen Grund haben, Schwächen und Fehler mit Nachsicht zu betrachten. Für mich ist es daher selbstverständlich, einen Text auf eine Reihe von TestleserInnen loszulassen, deren Einschätzungen und Korrekturen, sofern sie mich überzeugen, in meine endgültige Version einfließen. Kritik ist kein Angriff, sondern Anlass zur Reflexion.

Auch wenn ich also Marias Bedenken nicht teilte, war ich doch ein wenig nervös. Bisher hatte ich lediglich Kurzgeschichten veröffentlicht und das Lektorat beschränkte sich bei diesen zumeist auf die Kommasetzung und Alternativvorschläge für österreichische Begriffe, die den deutschen Lektoren nicht geläufig waren. Auf 500 Romanseiten, das war mir klar, würden trotz des Testlesedurchgangs mehr Korrekturen anfallen. Zu deutlich hatte ich noch die Worte von Olaf Petersenn von Kiepenheuer & Witsch im Ohr, der im Rahmen eines Seminars bei der Textmanufaktur verkündet hatte, dass Autoren sich an den Gedanken zu gewöhnen hätten, dass ein Buch nach dem Lektorat nicht mehr dasselbe sei. Dazu kam die Erfahrung einer lieben Kollegin, die ein Jahr zuvor während des Lektorats ihres Krimis dauernd zwischen Weinkrampf und Wutanfall pendelte, weil die Lektorin sich offenbar nicht auf ihren Stil einlassen wollte. Meine größte Angst galt daher auch einer eventuellen Beschädigung von Satzmelodie und Rhythmus, die mir ein sehr großes Anliegen sind, durch eventuelle sprachliche Korrekturen.

5527 Änderungen verzeichnete Word, als ich das redigierte Dokument zum ersten Mal öffnete. Bei einem Manuskript von 500 Seiten lief das auf rund elf Korrekturen oder Kommentare pro Seite hinaus. Welch ein Glück, dass meine Lektorin Stefanie Werk mir in dem vorangegangenen Telefonat erklärt hatte, dass im Vergleich zu anderen Texten wenig zu ändern war! So musste ich anstatt einen Herzinfarkt zu erleiden nur einmal kurz schlucken.

Geschätzte zehn Elftel der Änderungen waren dann auch Satzzeichen – an meiner Kommasetzung sollte ich definitiv arbeiten! – oder kleinere Rechtschreibfehler. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass es um Himmels willen heißt und nicht um Himmels Willen? Es gab Vorschläge für präzisere Formulierungen, einige allzu blumige oder weniger treffsichere Metaphern oder Vergleiche sollten gestrichen oder umformuliert und an wenigen Stellen die Handlung im Dienst des Leseflusses etwas gestrafft werden. Viele der Vorschläge habe ich mit Handkuss umgesetzt und manche Änderungen angenommen, weil beide Varianten mir gleich gut erschienen, manches erneut umformuliert. Gestrichen habe ich in Summe etwa drei Seiten, wesentlich weniger als ich befürchtet hatte, da in dem Zusammenhang oft von ca. zehn Prozent die Rede ist. Ein interessanter Aspekt war für mich, dass sich die Korrekturen oft kapitelweise konzentrierten. So gab es von sechzig Kapiteln vor allem zwei, in denen ich mich durch einen Wald an Kommentaren, Änderungen und Fragen zu kämpfen hatte.

Uneinigkeit herrschte, was meine Vorliebe für Ellipsen (Sätze, in denen ein oder mehrere Worte ausgelassen werden) und Satzfragmente angeht. Die hätte Frau Werk gerne fast sämtlich in die grammatisch vollständige Form überführt. Unsere Diskussion darüber hat für mich den Erkenntnisgewinn gebracht, dass solche Stilmittel gezielter eingesetzt werden sollten. Ich behalte sie nun der direkten Rede und Situationen vor, in denen es um heftige Gefühle geht, da ich finde, dass fragmentarische Sätze dort oft eher der Stimmung gerecht werden als grammatisch ausgefeilte Konstruktionen, die eine logische Disposition voraussetzen.

In einem zweistündigen Telefonat haben wir nach dem ersten Durchgang noch offene Punkte geklärt. Beispiel gefällig (das ist eine Ellipse!)? Eine Verlobung, so meinte Frau Werk, könne man nicht zerstören, man brächte sie zur Auflösung. Diese Formulierung klang mir innerhalb der direkten Rede einer wütenden Frau doch zu juristisch. Wir brachten also die Verlobung schließlich einvernehmlich zum Platzen.

Mein Fazit: das Lektorat ist in gegenseitiger Wertschätzung abgelaufen und hat den Roman nachgeschärft, auch wenn es auf beiden Seiten gelegentlich etwas Überwindung gebraucht hat, den jeweiligen Argumenten zu folgen – in meinen Augen ein optimales Beispiel für konstruktive Zusammenarbeit.

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14 Antworten zu Komma, Ellipse, Prädikat – fertig ist das Lektorat

  1. rocknroulette schreibt:

    ich finde, von einem guten, strengen lektor lernt man am meisten und das klingt wirklich sehr gut! sehr klug, sehr einfühlsam in sachen stil und sehr lehrreich für weiteres schreiben.

  2. gudrunlerchbaum schreibt:

    Streng in sachlicher Hinsicht ist gut. Streng im ton eher weniger, finde ich.

  3. Wirre Welt Berlin schreibt:

    Hast du es denn schon durchgearbeitet? Dann kommt als nächstes der Fahenensatz – da kannst du noch mal ändern …;-)))

  4. annekuhlmeyer schreibt:

    Oh, Ellipsen. Ich liebe die Dinger. Benutze sie oft. Denke in ihnen.
    Aber ist echt spannend so ein Lektorat, stimmt. Und macht auch Spaß, finde ich. Schön, dass Du nun diesen Teil der Arbeit erlebt und fertig hast.

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      ich denke, es wird wohl auch ein unterschied in der akzeptanz von weniger traditionellen sprachfiguren sein, je nach genre. im historischen roman gibt es halt oft so eine historisierende sprache, was ich auf keinen fall wollte.

  5. buchwolf schreibt:

    Sehr interessanter Blick hinter die Kulissen. Das Endprodukt muss ich unbedingt lesen!
    lg, buchwolf

  6. In Kürze werde ich mich von der Qualität des Lektorats überzeugen… und vom Inhalt des Thrillers auch.

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