Ist es noch Arbeit, wenn es Spaß macht?

10% Inspiration und 90% Transpiration machten das Schreiben aus, habe ich kürzlich mal wieder einen Autor verkünden hören. 5% Inspiration und 95% Transpiration wurde uns während des Architekturstudiums von den Professoren in Aussicht gestellt und mit geringfügig veränderten Prozentzahlen kursiert das Rezept in der gesamten Kreativbranche. Der Urheber, Thomas Alva Edison sprach übrigens gar von einem Verhältnis 1:99, bezog sich dabei allerdings auf nichts Geringeres als das Genie.

Soll heißen: Glaubt bloß nicht, dass es Spaß macht!

Aus meiner Sicht ist das Quatsch, Ausfluss eines unzeitgemäßen puritanischen Arbeitsethos‘. Die Arbeit als Gottesdienst im Schweiße unseres Angesichts. Bärtige Männer mit verkniffenen Mündern, spät nachts bei funzeligem Licht über  vergilbtes Pergament gebeugt, ringen zähneknirschend um Erkenntnis. Ich kann natürlich nicht ganz ausschließen, dass es sich für Einzelne so abspielt und dass die genau jene sind, die ihr persönliches Erleben für allgemeingültig halten und den Rest der Welt dann gern mit Rezepten beglücken. Aber bei mir läuft es anders, und ich bin sicher nicht die Einzige.

Welcher Kreative würde sich den prekären Arbeitsverhältnissen und den – zumindest im Fall der Schriftstellerei – minimalen Aussichten auf durchschlagenden Erfolg aussetzen, wenn es nicht verdammt viel Freude machen würde? Nicht jeder einzelne Moment ist glückerfüllt, das Scheitern an den eigenen Ansprüchen tut zuweilen weh und gelegentlich fällt mir auch schlicht nichts ein. Aber Tatsache ist, dass es unglaublich befriedigend ist, einen gelungenen Satz zu schreiben, dass es mich jeden Tag an den Schreibtisch zieht und dass die Aussicht auf Urlaub ein zwiespältiges Gefühl auslöst, weil ich da nicht schreiben kann. Allerdings ist die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit ohnehin aufgehoben, weil Einfälle im Schlaf ebenso kommen können wie beim Kochen, während eines Spaziergangs und ja, natürlich auch am Schreibtisch. Und meinem Gefühl nach ist das Verhältnis von Inspiration zu Transpiration mindestens Halbe-Halbe. So viel, wie mir einfällt, kann ich im Leben nicht zu Papier bringen.

Manche meinen nun, es handle sich nicht um wirkliche Arbeit, wenn man kaum Geld damit verdiene und noch nicht einmal gehörig darunter leide. Das sind oft diejenigen, die selbst „ein Buch in sich haben”, das sie dann „in der Pension schreiben wollen”, jetzt hätten sie „für sowas” keine Zeit.

Irrtum, Leute! Ihr setzt nur andere Prioritäten. Ihr müsst nichts weiter tun, als auf unbestimmte Zeit auf materielle Sicherheit, eine angemessene Altersversorgung, berufliche Anerkennung, gesellschaftlichen Status und den Plausch am Kaffeeautomaten zu verzichten. All das für die höchst vage Aussicht auf eine Veröffentlichung eures Werkes, mithilfe derer zu Ruhm und Reichtum zu kommen nur wenig wahrscheinlicher ist als ein Lottogewinn oder die Mutation zur Superheldin.

Kleinigkeit, oder? Aber so wichtig ist es euch nicht, das künftige Buch, das große Gemälde, was auch immer in euch schlummert. Mir schon!

 

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3 Antworten zu Ist es noch Arbeit, wenn es Spaß macht?

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Wenn man keinen Spaß dran hat, sollte man sich das mit dem Schreiben wirklich noch mal überlegen, da gebe ich dir recht. Allerdings finde ich nicht, dass man dafür dann auch gleich seinen Brotjob aufgeben muss – beziehungsweise halte ich das für einen Luxus, den man sich auch erst mal leisten können muss. Wenn man schreiben möchte, ohne dabei zu verhungern (und niemanden hat, der einen dabei durchfüttert), muss man sich die Zeit eben anderswo nehmen. Ich werde beispielsweise nie den Tag bereuen, an dem ich beschloss, mir für die eigene Wohnung keinen Fernseher zuzulegen…

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Natürlich muss man seinen Brotjob nicht aufgeben, wenn sich der mit dem Schreiben vereinbaren lässt. Und wenn das nicht geht, dann kann man ja immer noch seine Familie verlassen, um Zeit zum Schreiben zu finden. Es ist immer eine Frage der Prioritäten 😉

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