Zum Denken verdammt – Pech für LEGIDA

 

Ich solle lieber daheim nach dem Rechten(!) sehen, bevor ich mich öffentlich zu bedenklichen Entwicklungen im benachbarten Ausland äußere, da derlei Einmischung als unhöflich angesehen werden könne, meinte Max. Doch meine Gedanken hängen mal wieder über den Tellerrand wie die Schnitzel von der Mitzi-Tant. Die Probleme sind ohnehin diesseits und jenseits der Grenze dieselben, doch da es zehnmal so viele Deutsche wie Österreicher gibt, ist es drüben einfach lauter.

LEGIDA nun wieder. Leipziger gegen die Islamisierung des Abendlandes, ein Ableger der Patriotischen Europäer in Deutschland, die dasselbe Ziel verfolgen. Mit dem Mut der Verzweiflung werfen sich Bürger und Bürgerinnen einer Stadt den vermeintlichen Eroberern entgegen, um nicht weniger als den gesamten Kontinent zu retten. Asterix und seine unbeugsamen Gefährten lassen grüßen.

Ein Positionspapier zum Schutz der christlich-abendländischen Gesellschaft hat LEGIDA nun erarbeitet. Aus welchem Grund die siebzehn Punkte nicht durchnummeriert, sondern in 1 – 7 und 1 – 10 gesplittet wurden, darüber kann ich nur spekulieren. Traut man  den eigenen Anhängern nicht zu, weiter als bis zehn zählen zu können?

Ich möchte hier nicht auf die isolationistischen und fremdenfeindlichen Forderungen eingehen, weil diese Kritik ohnehin von allen Seiten schallt, sondern mich einem anderen Punkt widmen. Unter den dringenden Maßnahmen findet sich als fünfter Punkt die Forderung nach der Reform des Gleichstellungsgesetzes (Gender Mainstreaming).

Mein erster Gedanke dazu bringt mich immerhin gleich morgens zum Lachen: Die wollen die Gleichstellung von Frau und Mann aufheben, wollen einem der Geschlechter (soll ich raten welchem?) Rechte aberkennen und gehen dafür auf die Straße, nehmen also in Scharen das Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch, um für die eigene Entmündigung zu kämpfen.

Doch damit tue ich LEGIDA Unrecht, wie die glücklicherweise beigestellten Erläuterungen ihrer ansonsten unverständlichen Forderungen zeigen. Bezüglich der Gleichstellung von Frauen ist unsere Gesellschaft so weit entwickelt, dass darüber kein Gesetzgeber mehr befinden muss, da Frauen unserer Kultur den Männern bereits völlig gleichgestellt sind, lese ich da. Das bedeutet offenbar, dass im glücklichen Nachbarland keine Gehaltsschere klafft, die Familien- und Hausarbeit zu hundert Prozent gerecht aufgeteilt ist und Frauen und Männer sich paritätisch in Führungspositionen finden. Der Versuch, diesen paradiesischen Zustand mit einer kurzen Recherche zu verifizieren, ergibt leider ein völlig anderes Bild. Dann will LEGIDA womöglich nur ausdrücken, dass es einen prinzipiellen gesellschaftlichen Konsens über die Gleichbehandlung von Frauen und Männern gibt? Rätselhaft allerdings, warum es nötig sein sollte, ein Gesetz, das diesem Konsens Ausdruck verleiht, abzuschaffen. Konsequent gedacht müssten dann auch Gesetze gegen Diebstahl oder Mord abgeschafft werden, da der gesellschaftliche Konsens beides ohnehin ächtet. Sind Gesetze nicht genau dazu da, den gesellschaftlichen Konsens in verbindliche Regeln zu gießen?

In unserer Kultur hat sich über Jahrhunderte die geschlechtsspezifische Anrede bewährt. Diese soll auch beibehalten werden, fordert LEGIDA. Das kann ich doch glatt unterschreiben. Auch ich möchte weiterhin mit Frau Lerchbaum und nicht mit Herr Lerchbaum angesprochen werden. Aber wozu das fordern, wo es doch von niemandem infrage gestellt wird? Oder meinen die etwas anderes? Näheres geht leider auch aus den Erläuterungen nicht hervor.

Weiterhin hat es sich als unsinnig erwiesen, geschlechtsspezifische Berufe und Tätigkeiten (Hebamme, Bergmann, Schmied) auch für das jeweils andere Geschlecht zugänglich zu machen. Echt? Schmied ist ein geschlechtsspezifischer Beruf? Hämmern die mit dem Penis? Oder ist es so geschlechtsspezifisch wie Krankenschwester, Kindergärtnerin, Minister und Aufsichtsrat? Widerspricht diese Behauptung nicht eklatant derjenigen, dass die Gleichstellung der Geschlechter in unserer Gesellschaft schon Fakt ist?
Dann steht bei diesem Punkt noch irgendwas über lernbehinderte Kinder, das ich schon gar nicht mehr verstehen will und ein kurzes Überfliegen der Erläuterungen zu den anderen Forderungen zeigt ein ähnlich verquastes Bild.

Liebe LEGIDA-Anhänger, ich verstehe, dass ihr Angst habt vor gesellschaftlichen Veränderungen, dass ihr unzufrieden mit den herrschenden Zuständen seid und es ist zum Glück euer gutes Recht, eure Meinung öffentlich zu vertreten. Aber wollt ihr nicht ein bisschen gründlicher nachdenken, bevor ihr eure Thesen an die virtuelle Wand hämmert? Auch wenn vermutlich wenige Philosophen oder Mathematiker unter euch sind, solltet ihr die Logik doch nicht ganz so grob auf dem Altar eurer Wut dahinmetzeln. Auch andere sind verwirrt ob der Komplexität unserer Welt, doch es ist nicht die schlechteste Methode, so lange an unmissverständlichen Formulierungen zu feilen, bis man wenigstens selbst versteht, worauf man hinauswill. So ist das für euch nur peinlich und für alle anderen deprimierend. Wer die Gesellschaft ändern will ist zum Denken verdammt.

 

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7 Antworten zu Zum Denken verdammt – Pech für LEGIDA

  1. dchubbard2012 schreibt:

    Das einzige Gute an den Mangel an Logik bei der Argumentation und den Forderungen der LEGIDA ist, dass sie ihre eigenen größten Gegner sind. Mit einem Quäntchen Glück bringen sie sich selbst zum Fall. Nur leider in der nicht so entfernter Vergangenheit hat eine ganz andere Partei mit vollkommen verrückter Logik, Deutschland zur Apokalypse geführt. Aber die Deutschen von heute sind ganz andere als for 80 Jahren. Denke ich wenigstens.

  2. Mountfright schreibt:

    „Das bedeutet offenbar, dass im glücklichen Nachbarland keine Gehaltsschere klafft, die Familien- und Hausarbeit zu hundert Prozent gerecht aufgeteilt ist und Frauen und Männer sich paritätisch in Führungspositionen finden.“

    Hier aus dem Rheinland kann ich vermelden: Nein, das gilt offenbar nur für Leipzig.

    (Und danke für „Hämmern die mit dem Penis?“ Lustig-verstörendes Schmiedkopfkino, made my evening. 😀 )

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Tja, hab ich es mir doch gedacht, dass es in Deutschland nicht so viel anders aussieht als in Österreich 😉

      • Mountfright schreibt:

        Meine beste Freundin ist Österreicherin, nach dem, was die so erzählt: nein. Sie glaubt allerdings immer, dass der Unterschied größer sei, weil man entsprechende Ansichten in Österreich offenbar ungenierter ausspricht. In Deutschland tun wir gerne sehr viel aufgeklärter, als wir sind. Und erklären dann dem Rest der Welt, wie er sich gefälligst moralisch zu verhalten hat.

  3. Gassenreh schreibt:

    Ein wenig ungesund für Frauen, Mütter und Kinder scheint Gender Mainstreaming schon zu sein. Zum Beispiel das Negieren bedeutsamer und dem Mann überlegener weiblicher Eigenschaften mit der Folge, dass häufig der Body nur noch wichtig wird. Vergessen der für Sprach- und Kognitiventwicklung wichtigen frühkindlichen Mutterbindung infolge des frühen flüssigkeitsgekoppelten Hörens des Foeten im Mutterleib (Muttersprache nicht Vatersprache!). Probleme durch Cortisolausschüttung (gefährliches Stresshormon) und Schlafmangel mit entsprechendem Wachstumshormonmangel von Krippenkindern mit Hippocampusminderung (Lernmaschine des Gehirns).
    Erschreckende Zunahme von Depressionen auch bei Kindern und Jugendlichen.
    [siehe „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ in: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4]

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Ich verstehe zwar nicht, was Ihr Kommentar mit meinem Artikel zu tun hat, aber nur so zur Information kopiere ich hier mal rein, was Gendermainstreaming laut Wikipedia bedeutet: „Gendermainstreaming bedeutet, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei allen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu berücksichtigen, um so die Gleichstellung der Geschlechter durchzusetzen.“ Sie merken: Die von Ihnen vermuteten körperlichen Auswirkungen können damit nichts zu tun haben, da es ja genau um die unterschiedlichen Lebenssituationen geht 🙂
      Außerdem will wohl niemand die Schwangerschaft in den Männerkörper verlagern und Sie müssen sich daher ohnehin keine Sorgen bezüglich der Sprachentwicklung der Föten machen. Ich selbst bin ja als ehemalige Alleinerzieherin glückliche Mutter eines sprachlich hochbegabten vormaligen „Krippenkindes“ (wobei ich die Krippe keineswegs als alleinkonstituierendes Merkmal ihrer Entwicklung ansehen würde), das inzwischen in England Englische Literatur studiert und kann ihre Bedenken also höchst kompetent zerstreuen 🙂 Sie ist übrigens auch fast zehn Zentimeter größer als ich (von wegen Wachstumsstörungen) und unter Schlafmangel leidet sie nur, wenn sie zu lange ausgeht oder bis in die Nacht in der Bibliothek sitzt. Sie hat die Krippe geliebt und eine hohe Sozialkompetenz entwickelt.
      Liebe macht gesunde Kinder, Liebe von Müttern und Vätern.

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