Nett in der Kanzlei der Wort-Anwältin

Mit diesem Andrang hätte ich nicht gerechnet. Schon eine Viertelstunde nach Eröffnung meiner Kanzlei als Wort-Anwältin drängen sich hoffnungsvolle Klienten im Wartezimmer. Nicht für alle werde ich etwas tun können.

Die Schreckensherrschaft, die mich, bis an die Zähne bewaffnet, zwingen will, die Menschheit wegen Verleumdung auf sofortige Unterwerfung zu verklagen, schicke ich gleich weiter zur benachbarten PR-Agentur, wo man sich um die Image-Korrektur zu kümmern verspricht. Grau gescheitelt und beständig vor sich hinmurmelnd sitzt hanebüchen auf der Sesselkante, den kunstledernen Aktenkoffer zwischen die Knie geklemmt. Neben ihm ein fast transparentes blaues … Kreischend stürzt schrill mir entgegen, rauft sich mit einer Hand das pink gefärbte Haar und greift mir mit der anderen in den Schritt. Es fühlt sich von Nina Hagen gestalkt. Tagedieb rollt sich, quer über drei Stühle gefläzt, einen Joint und will gerne warten, wenn ich ihn mit Kaffee und Schokokeksen versorge. Seine Nase rinnt. Freundlich lächelnd reicht ihm das unscheinbare Wort, das halb hinter ihm verborgen sitzt, ein Papiertaschentuch. Was macht das hier?

Nett?“, frage ich sicherheitshalber. Das Unscheinbare nickt. Es gehe nicht um eine Klage, vielmehr um eine Beratung, die jedoch keine Eile habe. Wenn ich ihm sage, wo es die Gießkanne finde, dann würde es sich gerne noch um die Bewässerung meiner Zimmerpflanzen kümmern. Ich bitte es ins Sprechzimmer.

Nett hat in den letzten Jahrzehnten radikal an Beliebtheit eingebüßt, ohne sich eines Fehlverhaltens bewusst zu sein. Es läge wohl an seiner Milde, die in Zeiten permanent inszenierten Spektakels nicht recht zur Geltung komme. Erst gestern habe sich beispielsweise eine junge Frau nach einer Verabredung für den netten Abend bedankt. Noch während sie, die Augen geschlossen, ihr Gesicht zum Abschiedskuss hob, drehte sich der Mann um und entschwand grußlos. Er wolle lieber ein interessantes Arschloch sein als nett, was ja wohl nur ein anderes Wort für langweilig sein könne. Dabei hätte die temporäre Abwesenheit von Sensation, Lärm und Aufregung in unserer hektischen Welt doch jedes Potential, als angenehm und wohltuend zu gelten. Ein netter Abend ohne Streit und Anspannung, mit wechselseitigem Verständnis lasse jeden zufrieden ins Bett gehen.

Zufriedenheit, fällt mir ein, das war das transparentblaue Wort im Wartezimmer, das vor meinen Augen verschwamm und fast im Verschwinden begriffen war.

„Die netten Menschen sind das Rückgrat einer funktionierenden Gesellschaft“, fängt mein Klient meine Aufmerksamkeit wieder ein. „Ihnen macht es nichts aus, etwas für andere zu tun, ohne gleich auf eine Gegenleistung zu drängen. Sie haben das Wohl aller im Sinn. Sie sind die besten Väter, auch wenn viele Frauen das zu spät erkennen. Nett ist die Antithese zu Feindschaft und Krieg.“

„Sie haben vollkommen recht!“, stimme ich zu. „Ich werde eine Lanze für Sie brechen und Ihnen zu Ihrem wohlverdienten Recht verhelfen!“

Nett wird bleich. „Bloß das nicht. Eine friedliche Einigung, darauf bin ich aus.“

„Niemand kann immer nett sein. Sie sollten darüber nachdenken, Ihre Sache etwas offensiver zu vertreten.“

„Sie meinen ich sollte mir die Sinnfrage stellen?“

Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht eine Psychotherapie? Ich fürchte, ich kann nichts für sie tun. Ich kann nur für ihr Recht streiten. Aber die Beratung war selbstverständlich kostenlos.“

„Danke, sehr nett! Es geht mir schon viel besser.“

 

 

 

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