Vom Regenbogenpony zur geknechteten Mutter

Medienübergreifend melden sich derzeit geknechtete Mütter zu Wort. „Ich bereue“, quengeln sie, „ich bereue meine Mutterschaft!“ oder etwas dramatischer: „Ich fühle mich gefangen im Käfig meiner Mutterschaft!“ (Quelle)

Losgetreten hat das Ganze die Studie der Soziologin Orna Donath von der Universität Tel Aviv, wie ich dem Standard entnehmen konnte. Dort lese ich auch, dass Donath die Mutterschaft als „kulturelles und historisches Konstrukt“ ansieht und „Es ist die Gesellschaft, die entscheidet, dass Frauen Kinder wollen, wollen sollen – oder irgendwann, früher oder später in ihrem Leben, wollen werden.“

Böse Gesellschaft! Höchste Zeit, dass sich die Frauen wehren und geschlossen die Mutterschaft verweigern. Das Problem des gesellschaftlichen Drucks wäre damit zuverlässig gelöst, da es ohne Kinder bald keine Gesellschaft mehr gäbe. Das ist Biologie, die lässt sich nicht ganz so leicht uminterpretieren wie kulturelle Konstrukte.

Ich bin zwar Mutter, aber keine reaktionäre Kitschtante. Selbstverständlich muss jede Frau wählen, ob sie Kinder bekommen will oder ihre Prioritäten anders setzt – und nachher mit ihrer Entscheidung und den sich daraus ergebenden Konsequenzen klarkommen, mit anderen Worten: die Verantwortung dafür tragen. Und genau daran fehlt es in meinen Augen bei den bereuenden Müttern, die schließlich mehrheitlich betonen, dass sie ihre Kinder lieben. Sie alle sind nicht durch unvermuteten Pollenflug schwanger geworden und haben das erst im siebten Monat gemerkt. Nein, sie hatten Sex, haben sich meist bewusst mit ihrem Partner entschieden, eine Familie zu gründen. Doch dann …

Ja, was? Welche unerwarteten Schwierigkeiten, welches unerträgliche Leid lässt euch nicht nur müde und erschöpft und überfordert sein, wie es jede Mutter oft und oft ist, sondern bereuen, dass ihr Mütter geworden seid? Dazu wieder eine Originalstimme: „Ich kann keinen Kaffee so trinken, dass er noch heiß ist, weil immer etwas dazwischenkommt, ein Spielen, ein Helfen, ein Auapusten. Ich stelle meinen Kaffee bis zu fünf Mal in die Mikrowelle, um ihn wieder aufzuwärmen.“

Eltern – denn das trifft nicht nur auf Mütter, sondern ebenso auf Väter zu! – müssen also ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Das ist anstrengend und stressig und bringt die meisten wiederholt an ihre Grenzen. Monatelanger Schlafentzug zehrt an den Kräften, viel zu oft kann man nicht einmal in Ruhe aufs Klo gehen und lesen nur, wenn der Nachwuchs schläft. Aber ernsthaft – ist das eine Überraschung? Wohl nur für jene, die ihr bisheriges Leben als Regenbogenpony auf der dauerbesonnten Ganzjahresblumenwiese verbracht haben – oder nie den geringsten Zweifel daran hatten, dass sie der Mittelpunkt der Welt sind.

Damit ist es aus, wenn man Kinder hat, das lässt sich nicht beschönigen. Ich hätte selbst nie geglaubt, dass mir die Blicke der Männer, die jungen Frauen so selbstverständlich und oft unbemerkt zufliegen, fehlen würden, wenn sie mit einem Mal ausbleiben. Kindliche Begleitung funktioniert diesbezüglich wie ein unsichtbarer Schutzschild. Stattdessen gerät die Jungmutter in den Fokus der Frauen, der alten zumeist, die einem ungebetene Ratschläge geben und mit gichtigen Fingern in zarte Kinderwangen bohren, wenn frau sich nicht rechtzeitig auf ihre Ninja-Fähigkeiten besinnt. Frauen sind es auch meist, die helfen, den  Kinderwagen in die Straßenbahn oder den Zug zu heben, während die jungen Männer unvermittelt die Richtung wechseln und eine anderen Einstieg wählen. Bezüglich einer gerechten Verteilung der Familienarbeit ist also zweifellos sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie viel Luft nach oben. Doch kann das ein Grund sein, die Mutterschaft zu bereuen? Bereuen kann man doch nur einen eigenen Fehler, nicht die Unzulänglichkeiten der anderen.

Manche sehen die ganze Diskussion als Errungenschaft der Gleichberechtigung: Waren es früher nur Väter, die zugaben, sie hätten eigentlich nie Kinder gewollt, so dürfen jetzt auch Mütter bereuen. Natürlich sagt ihr das euren Kindern nicht direkt ins Gesicht, nein, ihr schreibt es nur für den Rest der Welt in einen Blog oder eine Kolumne und euer Kind wird vielleicht niemals lesen lernen.

Als Kind, nicht als Mutter, will ich euch eine traurige Nachricht nicht ersparen: Jedesmal, wenn eine Mutter oder ein Vater bekennt, dass sie ihre Elternschaft bereuen, dann stirbt ein Einhorn und ein Regenbogen zerbirst. Oder vielleicht kommt auch nur ein bisschen mehr Leid in die Welt. Denn du bist die Mutter, der Vater deines Kindes und du sagst damit diesem einen und ganz besonderen Kind: Ich wünschte es gäbe dich nicht! Und das zerreißt nicht nur mir das Herz.

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3 Antworten zu Vom Regenbogenpony zur geknechteten Mutter

  1. Arabella schreibt:

    Eigentlich möchte ich einfach nur sagen:“lernt das kalter Kaffee gut schmeckt“, wenn, ja wenn da nicht ein durch die Medien hochgepuschtes Frauenbild stehen würde.
    Mir behagt der Umgang der Massenmedien (und dazu zähle ich die Zeitschrift, in der dieser Artikel erschien) mit „Bevölkerungsrandgruppen“ immer weniger.
    Wir Frauen und Männer sollten wachsam sein…der wahren Hintergründe wegen.
    Freundliche Grüße zu dir.

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