Alles locker in Berlin

Jeder liebt Berlin, jeder war schon dort. Ich auch. Weshalb ich mich an diesem Rekordhitze-Wochenende mit gefühlten 60 Grad im Schatten auch nicht gedrängt fühle, inmitten von Horden todesverachtender Touristen die Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Lieber schleiche ich mit sparsamen Bewegungen von Café zu Café und gebe mich, unterstützt von eisgekühlten Getränken, ethnologischen Studien hin.

Wien und Berlin hätten viel gemeinsam, so hört man oft. Was mir jedoch bei diesem Besuch ins Auge fällt, sind die Unterschiede.

Zur vereinbarten Zeit klingle ich an der Tür des vorab reservierten Appartements. Keiner da. Ich warte, klingle wieder, nichts. Nassgeschwitzt vor Hitze und Panik, mich nun auf die Suche nach einem überteuerten Hotel begeben zu müssen, plumpse ich in einem nahen Café auf den Klappstuhl, bitte aufgeregt um Hilfe und durchforste bei einem nicht sehr kühlen Bier per Wifi meinen Laptop nach Kontaktadressen. Nach einer Weile kommt eine Frau quer über den Platz aus dem anderen Café auf mich zu. Sie hätte Lust auf ein Eis gehabt, aber jetzt könnten wir auch schon in die Wohnung. Alles locker in Berlin und das Appartement ist perfekt.

Ein kleiner Platz in Schöneberg also, mit zwei Cafés, einem Brunnen und ein paar Bäumen. Alle Kinder laufen barfuß, die kleinen nur mit Windel, die größeren teilweise in der Unterhose, plantschen im Brunnen, spielen Fußball, quatschen die Leute an anderen Tischen an, schleudern vollgesogene Windeln von sich. Die Atmosphäre ist entspannt, niemand schimpft, niemand schreit, niemand entschuldigt sich. Alles locker in Berlin. Ein Zehnjähriger verwandelt mit seiner gigantischen Wasserspritze den benachbarten Sonnenschirm in einen Regenschirm der anderen Art, aus dem es kräftig auf die darunter sitzenden Frauen und in deren Aperol tropft. Eine der drei Frauen schaut verärgert, wendet kurz den Kopf nach dem Kind, die anderen ignorieren es. Keine schimpft. Immer locker bleiben, wer sich aufregt, scheidet aus.

Immer locker auch die Kleidung der Berliner. Eitelkeit, Lieblingssünde in südlicheren Gefielden, versperrt hier weder Männern noch Frauen den Weg ins Paradies. Sorgfältig oder gar elegant gekleidet ist hier niemand mit Ausnahme der italienischen oder spanischen Touristen. Ich schäme mich fast für meine weiße Leinenbluse, gebügelt auch noch. Formlose Schlabberhosen und ausgeleierte T-Shirts schlagen hier Leinenkleid und Sommerhemd. In keiner anderen Stadt sind mir  so viele Leute in schmucklosen Trekkingsandalen aufgefallen, mit oder ohne Socken.

Voll gelockert von meiner Berlin-Experience begebe ich mich am Montag ohne Stadtplan, den ich wieder einmal ganz entspannt in Wien vergessen habe, auf die Pirsch in Neukölln. Einfach raus aus der U-Bahn und ab in die Seitengassen. Hier scheint es einen Brauch zu geben, nicht benötigtes Mobiliar aus dem Fenster auf die Straße zu werfen. Knut fällt mir ein, aus der IKEA-Werbung, aber ging es dabei nicht um Weihnachtsbäume? Auf meinem ca. dreiviertelstündigen Spaziergang sehe ich drei Matratzen in unterschiedlichem Erhaltungszustand und zwei defekte Stühle auf dem Gehsteig – pardon: Bürgersteig – liegen. Zudem Socken, Schuhe, eine verwitterte Hose, unzählige Pappbecher, Dosen, Flaschen und anderes, was man in Wien als entsorgungswürdigen Müll ansehen würde. Ganz Neukölln eine konsumkritische Installation?

Endlich ein süßes Cáfé. Mit einem von der liebenswürdigen Kellnerin frischbereiteten Smoothie sitze ich lesend draußen an einem Tisch. Eine junge Frau setzt sich mir gegenüber, zündet sich eine Zigarette an. Als ich aufblicke hält sie mir wortlos ihr Päckchen hin und ich leiste ihr Gesellschaft in Erwartung eines aufschlussreichen Gesprächs mit einem Mitglied der einheimischen Bevölkerung. Sie sagt nichts. „Willst du reden?“, frage ich nach ein paar Zügen. „Nee, nur rauchen.“ Ich wende mich wieder meinem Buch zu. Alles locker in Berlin. Ich lern das noch!

 

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