Rebellion durch Höflichkeit oder Grüßen in Gastein

Himalaya-Trekking, ein Salsakurs auf Kuba oder die Schiwoche im Gasteinertal bringen nicht nur den bürostarren Körper an die Grenzen der Leistungsfähigkeit, auch die Sinne werden herausgefordert. Ungewohnte Ausblicke verzerren womöglich heimelige Denkmuster, aus Streifen werden Schlangenlinien, Erkenntnisse drohen.

Man beginnt sich zu fragen. Warum Sherpas nicht höhenkrank werden beispielsweise. Wie weit der Einsatz des Tanzlehrers gehen müsste, um die deutsche Durchschnittshüfte zum unbefangen sinnlichen Schwingen zu verleiten. Und wie das ist mit dem Grüßen im Hotel.

Einst, so geht die Mär, kolportiert von der jeweils älteren Generation, betrat man einen Frühstücksraum, warf ein fröhliches „Guten Morgen“ in die Runde und – wurde selbstverständlich zurück gegrüßt. Das begab sich vermutlich zu Zeiten, als jede Familie einen fix zugewiesenen Tisch in einer gemütlichen Frühstückspension besetzten durfte, wo blasse Semmeln bei Tisch serviert wurden, die man mit geschmacksneutraler Marmelade oder abgelaufener Leberwurst aus dem Portionsbehälter bestrich.

Heute gibt es Buffets. Den mit Rohschinken, Lachs und Gurkenscheiben beladenen Teller, die Schale mit Fruchtsalat, sowie Teekanne und Tasse balancierend schlängle ich mich zwischen den am Boden krabbelnden Kleinkindern hindurch und nehme den letzten Tisch in der Reihe am Fenster in Besitz, winke triumphierend das Ehegespons herbei und entbiete der Jungfamilie am Nachbartisch einen Morgengruß. Die Jungmutter starrt mich irritiert an, der Kindsvater ignoriert mich höflich, das Baby gurrt und wirft den Schnuller nach mir. Ich schäme mich für mein unangemessen höfliches Benehmen, senke den Kopf in die Tasse und beobachte aus den Augenwinkeln, wie die Nachbarn sich auf den Gruß meines Mannes hin schweigend abwenden.

Die Sitten haben sich offenbar geändert. Gut zu wissen. Doch bevor wir uns unauffällig anpassen, gilt es, durch zähe Forschungsarbeit zu erheben, was sich jetzt gehört.

Fünf Tage in Bad Gastein ergeben folgendes Bild: Man grüßt im Freien jeden entgegenkommenden Spaziergänger, eher nicht jedoch die anderen Hotelgäste, selbst wenn sie kaum eine Armeslänge entfernt schon den dritten Abend am Nebentisch sitzen. Wenn doch gegrüßt wird, dann geht das eher von den Älteren aus, quasi ein Paradigmenwechsel der Höflichkeit, der in den diversen Benimmfibeln meines Wissens noch nicht nachvollzogen wurde. Deutsche, die allerdings rund zwei Drittel der Gästeschar ausmachten, sind nach unseren Erhebungen weniger grußfreudig als Österreicher, Italiener und Briten. Hipsterbärtige Jungväter sind freundlicher als bartlose. Doch ob diese Erkenntnisse repräsentativ sind? Und warum sind die Servicekräfte von so ungebrochener Herzlichkeit? Kann sich der grußabstinente Gast da noch wohlfühlen?

Ich spiele mit dem Gedanken, mich als stumme Tschetschenin in einen der Integrationskurse einzuschleichen, in denen Flüchtlinge neuerdings mit Sitten und Gebräuchen unserer Heimat vertraut gemacht werden und meine angeranzte Erziehung auf den neuesten Stand zu bringen. An oberster Stelle steht dort sicher, den Leuten das lästige Grüßen und andere höfliche Unsitten abzugewöhnen. Vollkommen daneben beispielsweise, wie letztens auf der afghanischen Verlobungsfeier die Jungen jeweils aufsprangen, um den Älteren ihre Plätze anzubieten.

Aber mit etwas gutem Willen lernen die das noch. Wenn nicht, dann können sie ja in der Gastronomie anfangen. Und auch ich werde weiterhin grüßen. Das gibt mir dieses gewisse Anarcho-Feeling. Rebellion! Ich scheiß auf eure Regeln!

Einen wunderschönen guten Tag!

 

 

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3 Antworten zu Rebellion durch Höflichkeit oder Grüßen in Gastein

  1. Lisa schreibt:

    Mir ist am Sonntag auf meiner Skitour der Kragen geplatzt. Steht ein männlicher Tourengeher am Rand der Aufstiegspiste und trinkt Tee aus seiner Thermoskanne. Ich ziehe vorbei, wir sehen uns an, ich sage „Servus“, er glotzt weiter und bleibt stumm. Das fand ich frech, weshalb ich, zugegeben etwas grob, wiederholte: „Servus hab ich gesagt.“ Worauf er aus seiner Trance aufwachte und zurückgrüßte, und noch ein „Tschuldigung“ anhängte. Normalerweise hab ich’s nicht so mit Pädagogik fremden Menschen gegenüber, aber das fand ich wirklich dreist. In den Bergen gehört sich das einfach nicht. Und soll ich dir was sagen? Der Mann war Österreicher 😉

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