Zehnmal Migräne, bitte!

Ein Apothekendramolett

„Was kann ich für Sie tun?“, fragt die Apothekerin den Mann, der vor mir in der Schlange steht.

„Migräne“, fordert der in strengem Ton, stockt kurz und fügt hinzu: „für meine Frau!“

Ich sollte einschreiten. Weiß der Mann, was er ihr da antun will? Ist er schon jemals mit Kopfschmerz bis zum Erbrechen im abgedunkelten Zimmer gelegen? Ich schlage die Hand vor den Mund, als die Apothekerin, anstatt sein Ansinnen empört abzulehnen, nur fragt: „Traditionell oder homöopathisch?“

„Beides“, antwortet der Rohling, „doppelt hält besser.“

Die Fachkraft nickt beifällig und verschwindet im Labyrinth raumhoher Schubladenschränke. Mich fröstelt. Ich mühe mich zu erlauschen, was sich in den beiden benachbarten Schlangen tut. Ordert die Kostümträgerin, die sich so verschwörerisch zum graumelierten Apotheker beugt, gerade Fußpilz für die Schwiegermutter? Oder gar Schlimmeres? Habe ich links Magengeschwür und Reizdarm gehört? Trocken klebt meine Zunge am Gaumen. Ich sollte einfach gehen.

Die Apothekerin kehrt zurück, legt mehrere Packungen auf den Tresen. „Alkohol und Zucker sind wichtige Faktoren, aber das wissen Sie sicher. Zehn oder zwanzig Stück von den Hämmern?“, fragt sie.

„Zehn reichen für’s Erste.“ Der Mann zahlt.

„Was kann ich für Sie tun?“

Ich sammle den letzten Rest Speichel, befeuchte die Lippen und räuspere mich. „Einmal Burnout, bitte“, flüstere ich, „für meinen Mann. Und etwas gegen meine Halsschmerzen.“

„Zum Gurgeln oder Lutschen?“

„Beides, bitte!“, hauche ich.

„Wegen dem Burnout bräuchten Sie ein Rezept, das kann ich Ihnen so nicht geben.“

Wäre ja auch zu schön gewesen. Monatelanger Krankenstand, endlich wieder Zeit für uns. Kino, Theater, Museumsbesuche, Spaziergänge an hellen Sommerabenden.

„Können Sie mir einen Arzt empfehlen“, frage ich, „Einen Spezialisten, der mir da weiterhelfen kann?“

 

*Da ich über Facebook eine empörte Nachricht erhalten habe, wie ich meinem Mann Burnout an den Hals wünschen könnte usw. – Ich bin Schriftstellerin. Das Ich in der Geschichte ist eine literarische Figur. Zum Glück weiß mein Mann, der den Artikel gelesen hat, dass ich ihn nicht gemeint habe. Das fehlte noch, dass er den ganzen Tag hier herumhinge und mich von der Arbeit abhielte 😉

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