Die T-Rex-Therapie und die Antwort auf alles

Panikattacken. Sofern ihr Schriftsteller, Künstlerinnen oder anderweitig prekär beschäftigt und halbwegs phantasiebegabt seid, wisst ihr, wovon ich rede. Aber auch Eltern, beruflich Gestresste, abstiegsgefährdete Fußballtrainer und auf ihren Asylbescheid wartende Flüchtlinge haben meist Erfahrung mit unvermittelten Schweißausbrüchen, Atemnot und plötzlichem Herzrasen, das einen gern aus dem Schlaf fahren und danach oft stundenlang wachliegen lässt, indem es selbstquälerische Gedankenkarussells befeuert. Man will schließlich wissen, warum man in Panik geraten ist und dafür fallen einem, insbesondere nachts, oft zahlreiche Gründe ein. Die sind im Optimalfall entweder nicht akut beeinflussbar (Asyl, Trump) oder generell außerhalb jeder Kontrolle (Alter, Liebesverlust, Tod).

Sie kennen das gar nicht? (Ich sage jetzt „Sie“, weil wir uns vermutlich nicht persönlich kennen, wenn Sie einer von denen sind und auch, weil ich großen Respekt vor Ihrer stabilen Gemütslage hege.) Sie sind Teil einer glücklichen Familie, haben beruflich die optimale Balance zwischen Sicherheit und stimulierender Herausforderung gefunden und leben in unangreifbaren finanziellen Verhältnissen. Das war immer so. Und wird immer so sein. Echt jetzt? Das soll alles gewesen sein? Wieviel Zeit haben Sie noch, um ihre Träume zu verwirklichen? Dieser braune Fleck hinter Ihrem Ohr ist sicher harmlos? Und denken Sie doch mal daran, wieviel Sie zu verlieren haben! Jeder hat Anlass zur Panik und bei entsprechender Disposition kann auch die Angst vor der Panik eine Attacke provozieren.

Da wir jetzt alle auf dem gleichen Stand sind, verrate ich euch meine garantiert unwissenschaftliche Therapie. Hatten Steinzeitmenschen sinnlose Panikattacken? Vielleicht. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie ihre Adrenalinstöße dem Brüllen eines Löwen oder einem plötzlichen Felssturz in der heimatlichen Höhle verdankten, dachte ich mir eines Nachts. Welche lebensbedrohliche Situation könnte mir wohl in diesem Moment Anlass zu beschleunigtem Puls und Hyperaufmerksamkeit bieten?

Da! Ein Geräusch vor dem Fenster. Dabei liegt das Schlafzimmer im zweiten Stock. Ein Einbrecher? In Gedanken schleiche hinüber, luge hinaus und blicke direkt in das bösgelbe Auge eines gewaltigen Tyrannosaurus Rex. Das Flattern des Vorhangs hat seine Aufmerksamkeit erregt. Er reißt das Maul auf und stößt ein seltsam gurrendes Grollen aus. Ich werfe mich zu Boden, krieche auf die Tür zu. Sein Kopfstoß lässt die Fensterscheibe zerspringen. Kalte Luft und heißer Atem, der nach faulendem Fleisch riecht, wirbeln ins Zimmer. Der nächste Anprall drückt die Mauer ein, Ziegel fallen, drohen, meinen Mann unter sich zu begraben. Der nicht aufgewacht ist. Ruhig liegt er im Bett. Wie übrigens auch ich. Der T-Rex löst sich auf und mit ihm die Panik. Glück gehabt!

Es klingt vielleicht kindisch, aber es hat funktioniert. Ein Kontrollversuch mit einem imaginierten Brand im Erdgeschoß, der den Weg über die Stiege abschneidet, brachte ebenfalls ein zufriedenstellendes Ergebnis und diverse Ideen zu verletzungsfreier Flucht aus dem Fenster. Doch die Gefahr des Feuers ist zu konkret um sich so flott und rückstandslos aufzulösen wie eine Raubechse aus der Kreidezeit.

Und nun Zahnarzt, eine kleine Operation. Der Tyranno mag nicht helfen, hat sich in den Kopf gesetzt, sich selbst wegen einer Zahnregulierung beraten zu lassen und bleibt hartnäckig an meiner Seite. Er stinkt aus dem Maul. Wenn er den Arzt nur nicht ablenkt, den Bohrer in seiner Hand zittern und abrutschen lässt. Wie gut, dass mich die Panik nachts wachgehalten hat und ich dank ihr nun viel zu müde bin, um mich aufzuregen.

Ich schulde euch noch die Antwort auf alles, aber ich muss dann los. Beim nächsten Mal, versprochen! Und falls ihr nichts mehr von mir hört, dann hat er mich wohl doch erwischt. Der T-Rex. Oder der Zahnarzt.

 

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