Von den Früchten der Erkenntnis und unverblümtem Lesegenuss

Ein Résumé zur Aktion Autorinnenzeit

Es begann mit einer Irritation. Der Autor Sven Hensel hatte in seinem Blog dazu aufgerufen, im Mai der Literatur von Frauen besondere Aufmerksamkeit in sozialen Medien zu widmen. Hashtag Autorinnenzeit. Männer bekommen deutlich häufiger Literaturpreise, dominieren Empfehlungslisten von Influencern ebenso wie Schullektüren und werden auch in dieser Branche besser bezahlt. Das muss sich ändern, darin stimme ich mit Sven Hensel überein. Dass dem Aufruf eines Mannes, Frauen mehr zu würdigen, in meinen Ohren zunächst ein caritativer Touch anhaftete, schrieb ich einem Rest unangebrachter Opferhaltung zu. Einmal tief Luft holen, sich strecken und schon sieht man Solidarität, wo vorher Herablassung dräute.

Das Projekt

Ich beschloss, das Thema verbesserter Präsenz von Autorinnen mit einer Bestandsaufnahme zu verbinden und meine Regale dem Alphabet folgend nach von Frauen geschriebenen Büchern zu durchforsten. Bilder dieser Bücher postete ich auf Facebook und bat die Leser.inn.en, nach dem gleichen Muster zu verfahren. So einfach die Aufgabe scheint, so sehr überraschte es mich, auf wie vielen Ebenen eine klare Handlungsaufforderung missverstanden oder ignoriert werden kann.

Zum ersten sind offenbar nur wenige Menschen bereit, ihre Bestände ungefiltert nach tatsächlicher oder vermuteter Qualität preiszugeben. Bei diesen möchte ich mich schon hier ausdrücklich bedanken! Die Literatur, mit der man sich schmücken möchte, stimmt wohl nicht unbedingt mit dem überein, was tatsächlich im Regal steht. Anders kann ich mir nicht erklären, dass Megaseller wie Cecilia Ahern, Jojo Moyes und Rosamunde Pilcher, um nur einige zu nennen, angeblich in keiner Bibliothek zu finden sind. Auch das positive Feedback von Leuten, die meinen Thread verfolgten, ohne je selbst die von ihnen gesammelten Autorinnen auszuplaudern, scheint in diese Richtung zu deuten. Es gab Tage, an denen ich mich selbst bei der Überlegung ertappte, ob ich dieses oder jenes weniger anspruchsvolle Buch mit den anderen fotografieren oder womöglich das eine oder andere „wertvolle“ e-Book dazu erfinden sollte. Der soziale Druck, der durch Kommentare wie Die müsst ihr doch kennen! oder Das darf in keinem Regal fehlen! ausgeübt wird, verfehlte seine Wirkung nicht. Dass ich das als bedauerlich empfinde, konnte ich jedoch offenbar durch meine Kommentare deutlich machen, denn gegen Ende der Aktion gab es solche normativen Behauptungen nicht mehr. Schließlich erfüllt eskapistischer Lesegenuss für viele Leser.innen eine ebenso wichtige Funktion wie jener, der sich um ein tieferes Verständnis der Welt bemüht.

Wie bei der gesamten Autorinnenzeit gab es auch in meinem Thread Kolleg.inn.en, deren Regale offenbar ausschließlich mit eigenen Werken bestückt sind. Ihnen möchte ich ins Poesiealbum schreiben, dass eine Solidaritätsaktion nicht in erster Linie ein Vehikel für Eigenwerbung sein sollte. Immerhin gelang es mir, einige von ihnen in eine konstruktivere Richtung schubsen.

Erstaunlich fand ich auch, wie oft, trotz meiner vielfach wiederholten Bitte, sich auf Bücher von Autorinnen zu beschränken, männliche Autoren genannt wurden. Wohlwollend interpretiert legt das den Schluss nahe, dass sowohl Männer als auch Frauen das andere Geschlecht nun auch in der femininen Mehrzahl mitgemeint finden. Dem widerspricht allerdings die Tatsache, dass wenige Männer überhaupt mitdiskutierten. Während ich in meinem Thread immerhin einige motivieren konnte, ergab die Überprüfung des Hashtags Autorinnenzeit auf Facebook insgesamt ein trauriges Bild: Sämtliche Beiträge zu diesem Thema wurden von Frauen verfasst. (Da ich weder auf Twitter noch Instagram aktiv bin, kann ich nur hoffen, dass die Ergebnisse dort ermutigender ausfallen.) Als solidarischer Beitrag feministisch gesinnter Männer muss die Aktion also wenigstens auf dieser Plattform als gescheitert betrachtet werden.

Woran liegt das?

Unter anderem diese Frage habe ich in ergänzenden Diskussionen sowohl auf virtueller als auch realer Basis einigen Männern gestellt. Die relativ einhellige Antwort lautete, dass man sich nicht einmischen wolle, wenn es um Frauensachen ginge, gerne ergänzt durch den scherzhaften Hinweis, dass ohnehin jede Antwort falsch wäre. Sehr schnell mutierte Literatur von Frauen im Gespräch zur Frauenliteratur, die einem Mann naturgemäß wenig zu sagen hätte. Letzteres kann ich sogar nachvollziehen, da der Terminus Frauenliteratur heute oft verspricht, in die Abenteuer von Shoppingexzessen und Diätproblemen gezeichneter Karrierefrauen auf der Suche nach Mister Right eintauchen zu dürfen.

Alles eine Verwechslung also?

Denn selbstverständlich sind von Frauen geschriebene Bücher ebenso wenig zwangsläufig Frauenliteratur, wie Bücher von Männern als reine Männerliteratur bezeichnet werden können. Frauen wissen das. Diesbezüglich sind die Ergebnisse meiner Befragung eindeutig. In den Regalen fast aller Frauen überwiegt – oft zu ihrer eigenen Überraschung – der Anteil von Büchern männlicher Autoren klar. Während bei Frauen also das Geschlecht der Verfassenden eine untergeordnete Rolle spielt, kaufen die meisten Männer – sofern sie nicht für das Thema sensibilisiert sind –  fast ausschließlich von Männern geschriebene Literatur. So ist beispielsweise der Überhang an Autoren in meinen Regalen darauf zurückzuführen, dass mein Mann, bis auf ein von der Mutter geschenktes Buch einer bekannten Krimiautorin, ausschließlich Bücher männlicher Autoren mit in unsere Beziehung brachte. Dabei liest er gerne und oft Bücher von Frauen, die aber ausschließlich ich gekauft und ihm empfohlen habe.

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Auto oder Autor?

Was hält Männer, die in allen anderen Bereichen Gleichberechtigung leben, davon ab, Bücher von Frauen zu kaufen? Die Antwort auf diese Frage, die ich einigen lesenden, jedoch nicht selbst schreibenden Männern stellte, fiel überraschend banal und eindeutig aus: Es ist das Cover! Blümchen und pastellfarbene Schmetterlinge, die allzu oft, auch vollkommen unabhängig vom Inhalt, die Bücher von Autorinnen schmücken, sprechen Männer schlicht nicht an. Demgegenüber sind Autos, Drohnen oder andere technische Accessoires ein sicherer Kaufanreiz, wie ich in schamlosen Menschenversuchen an ahnungslosen Subjekten verifizieren konnte. Eine letzte, unbeabsichtigte Bestätigung bekam ich, als ich von meiner letzten Lesereise mit zwei Büchern von Kolleg.inn.en heimkam, denen ich unterwegs begegnet war. Auf Richard Lorenz‘ schwarzem Cover ist eine weiße Rose zu sehen, auf Sabine Grubers Buch fährt ein Auto durch die Wüste. Die Bücher lagen nebeneinander auf dem Esstisch. Zwei Männer, die in den Stunden darauf den Raum betraten, griffen unabhängig voneinander zu dem Buch mit dem Auto, nicht zu dem des Autors. Lesen wird man ein Buch aber nur dann, wenn man auch Lust hat, es zur Hand zu nehmen.

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Inhaltlich leichter zu unterscheiden als äußerlich

Selbst wenn dieser Mechanismus nur auf geschlechtsspezifische Sozialisierung zurückzuführen ist, betrachte ich ihn als taugliche Arbeitsgrundlage. Denn – wir erinnern uns – Zweck der Autorinnenzeit war es, Bücher von Frauen sichtbarer zu machen. Hier sehe ich eindeutig die Verlage in der Pflicht. Auf Zadie Smiths wunderbarem Gesellschaftsroman On Beauty glänzen beispielsweise pastellige Blumenornamente auf schwarzem Hintergrund (den ich als Hinweis auf die Hautfarbe der Verfasserin lese). Glücklicherweise bekam ich es geschenkt, gekauft hätte ich es nicht. Kaum vorstellbar, dass ein Verlag Jonathan Franzen, den ich literarisch in der gleichen Liga sehe, ein zartgrün und rosa blütenberanktes Cover angetan hätte. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht nur über die Akzeptanz bei Männern. Ob die Verlagsvertreter es glauben oder nicht: Nicht alle Frauen lieben Blumen und Schmetterlinge. Wie viele großartige Bücher von Frauen habe ich wohl nicht gekauft, weil mich das kitschige Cover abgestoßen hat? Ganz sicher weiß ich: Mein 2015 erschienener Debutroman Die Venezianerin und der Baumeister wäre darunter.

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Zwei Bücher, zwei Verlage, zwei Interpretationen feministisch bewegter Romane

Geschätzte Verlage, hört auf, das klischeehaft besetzte Geschlecht der Verfasser.inn.en kontextunabhängig zum Motiv des Buchcovers zu machen! Haltet euch an den Inhalt oder schreibt einfach den Titel in einem schönen Font, wenn euch nichts Besseres einfällt.

Geschätzte Buchhändler.innen: Bitte nutzt euren Einfluss auf die Verlage, sagt den Vertretern die Meinung über kitschige Cover für ernstzunehmende Literatur!

Über alle konkreten Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen hinaus, hat mein Autorinnenzeit-Projekt auf jeden Fall den Zweck erfüllt, der auf Facebook ohnehin im Vordergrund steht: Es hat mir und vielen Followern schlicht Spaß gemacht, alte Bekannte wiederzuentdecken und auf künftige Lieblingsautorinnen aufmerksam zu werden. Dank an alle, die dabei geholfen haben!

Dieser Artikel ist heute auch auf der sehr empfehlenswerten Seite Herland erschienen!

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3 Antworten zu Von den Früchten der Erkenntnis und unverblümtem Lesegenuss

  1. Ich mag übrigens auch keine Coverblümchen und Schmetterlinge und sonstige Ausmalbildchen. 🙂

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