Kälteeinbruch

Ein relativ dunkelhäutiger, korpulenter Mann, ordentlich gekleidet, steht auf der Straße vor unserem Haus in der Sonne, den Blick auf den fünfstöckigen Wohnbau gegenüber gerichtet, und raucht. Als ich nach einer halben Stunde zurückkomme, steht er immer noch da, liest jetzt.

Ich: Kann ich Ihnen helfen? Warten Sie auf jemanden?
Er: Bitte! Nicht böse, nicht schlecht, bitte! Warte auf Kinder (Er deutet auf das Haus gegenüber) Spielen dort mit Freundin. Abholen, bald. Bitte, nicht Polizei!
Ich: Selbstverständlich nicht! Ich wollte nur wissen, ob ich Ihnen helfen kann.
Er: Bitte! Wollen Ausweis sehen? (Er kramt in seiner Tasche, zieht die Brieftasche heraus.)
Ich: Nein! Ich bin doch nicht die Polizei. Passt schon, alles gut. (Ich öffne das Haustor.)
Er: Nicht Polizei, bitte!
Ich: Keine Polizei, alles in Ordnung.

Die Haustür fällt zu, öffnet sich jedoch gleich darauf wieder. Eine Nachbarin, Akademikerin, Universitätsangestellte, kommt herein, bepackt mit Einkäufen, wirkt aufgeregt.

Ich: Hallo, lang nicht gesehen.
Sie: Hast du eine unliebsame Begegnung gehabt da draußen? Soll ich die Polizei rufen?
Ich: Nein! Ich habe den Herrn nur gefragt, ob ich ihm helfen kann. Er tut doch nichts, steht da nur.
Sie: Das weiß man nicht. Da muss man vorsichtig sein. Die spionieren das Haus aus oder so.
Ich: Er wartet, bis er seine Kinder vom Spielen abholen kann. Vielleicht lohnt es sich nicht, zwischendurch heimzufahren.
Sie: Oder er will sie entführen. Wir müssen aufeinander aufpassen. Finde ich gut, dass du gleich einschreitest.
Ich: Ich bin nicht eingeschritten. Ich wollte freundlich sein.
Sie (schaut mich an, als hätte ich einen Witz gemacht, den sie nicht ganz versteht, dann mitleidiges Lächeln): Die Zeiten haben sich geändert.

Als die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, fröstelt mich.

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Uncategorized, Wien abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Kälteeinbruch

  1. versspielerin schreibt:

    dieses gegenseitige misstrauen und missverständnis ist so traurig… (traurig auch die angst des mannes)
    ja, kälte macht sich breit… sehr gut geschrieben, bewegend. und leider so real.
    einen herzlichen gruß 🙂

  2. dchubbard2012 schreibt:

    Schade. Heutzutage will man lieber was böses annehmen anstatt einen eine Chance zu geben. Die Zeiten sind wirklich kalt.

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Natürlich hoffe ich irgendwie, dass das nur eine Momentaufnahme war, ein Zufall. Jedenfalls dürfen wir uns nicht mundtot machen lassen und müssen weiter für eine solidarische Welt kämpfen, auch wenn das von manchen als romantisch oder naiv betrachtet wird.

  3. buchuhu schreibt:

    Stimmt leider: Die Zeiten haben sich geändert. Rassismus ist für viele Menschen wieder salonfähig geworden. Mich fröstelt auch.

was denkst du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s