Die drei großen Rätsel der TV-Krimigeschichte

Eine subjektive Rangliste

Über knirschenden Kies steuern die Ermittler ihren Oldtimer die Auffahrt vor der Jahrhundertwende-Villa hinauf, steigen aus dem Wagen und die Freitreppe zum Säulenportal hinauf. Auf ihr Klingeln hin öffnet die Dame des Hauses, angetan mit elegantem Kleid und Pumps, und geleitet die Ermittler in den Salon oder die Bibliothek. An den Wänden ledergebundene Literatur und Kupferstiche.

Alternativ parkt der Oldtimer in einer von faden Einfamilienhäusern gesäumten Vorstadtstraße. Das Ermittlerteam strebt auf das einzige zeitgenössische Haus weit und breit zu — Beton, Glas, großzügige Terrassen — und tritt durch die Gartenpforte aus rostfreiem Stahl. Durch das halboffene Garagentor ist ein Oberklassemodell eines deutschen Autokonzerns auszumachen. Es öffnet die Dame des Hauses in Designerklamotten und Stöckelschuhen und geleitet die Ermittler in die raumhoch verglaste 100 m2-Wohnküche. An den Wänden hängt großformatige moderne Kunst.

Beide dieser unzählige Male gesehenen Szenarien enthalten die drei konstanten Rätsel der TV-Krimigeschichte, die es immer wieder schaffen, mich vom eigentlichen Plot abzulenken.

3.) Häuser

Was wollen uns Drehbuchautoren und Regisseurinnen mit der Auswahl der architektonischen Objekte sagen? Klar, das Böse ist bei den Reichen zu Hause — wie kommen die schließlich zu der Kohle? — und Geld macht nicht glücklich. Das denkt man sich gerne und wünscht den Reichen eine überproportional hohe Dichte von Gewaltverbrechen an den Hals, obwohl die Realität das nicht hergibt. Aber warum wohnen die nie in geschmacklosen postmodernen Villen mit kitschigen Rundbögen und Marmorbädern mit vergoldeten Armaturen wie im wirklichen Leben? Warum müssen sie entweder altmodisch Stil oder modern guten Geschmack haben? In einem architektonisch interessanten Haus zu wohnen kommt im TV-Krimi praktisch einem Schuldeingeständnis gleich. Als Architektin macht mich das traurig.

2.) Autos

Warum fahren TV-Ermittler zu gefühlt 80 % auch im Dienst in Oldtimern durch die Gegend? Ich schwöre, wenn mich jemand in einem vierzig Jahre alten Fiat oder einem kackbraunen Porsche aus dem letzten Jahrtausend verfolgt, dann fällt mir das auf. Warum macht nicht endlich einer der Verdächtigen eine Vollbremsung, steigt aus und erklärt den eben nicht heimlichen Verfolgern, dass das so nichts bringt, weil diese alten Kisten ohne ABS und Traktionskontrolle für rasante Jagden mit modernen Boliden einfach nicht konkurrenzfähig sind?

1.) Schuhe

Das aus meiner Sicht größte aller Krimi-Rätsel: Warum tragen alle Verdächtigen und Zeuginnen daheim immer Schuhe? Und nicht etwa Sneakers, nein, Stöckelschuhe, dazu praktisch immer elegante Straßenkleidung. Soll dargestellt werden, dass sie bereits damit rechnen, jeden Moment verhaftet zu werden? Bauen sie alle Tage ihres Lebens für einen stilvollen Auftritt in der Untersuchungshaft vor? Ist der Kosmetikkoffer auch schon fürs Gefängnis gepackt? Doch selbst dann bliebe Zeit, schnell in die Schuhe zu schlüpfen, bevor der Mantel übergeworfen wird. Warum also trägt in TV-Krimis niemand nur Socken oder Pantoffeln in der eigenen Wohnung? Das Kind spielt im Garten, die Mutter sitzt perfekt geschminkt in Wickelkleid und High Heels auf der Designer-Couch. In welcher Welt? Zieht ihr euch schnell um, wenn es an der Tür klingelt? Habt ihr womöglich stets ein elegantes Outfit an der Garderobe hängen und öffnet selbst der Nachbarin und dem Briefträger niemals barfuß und in Jogginghose?

Ich bin keine Verfechterin von totalem Realismus im Krimi. Ob die Ermittlerin auch mal im Alleingang Verdächtige befragt oder die Dienstwege korrekt abgebildet werden, ist mir gleichgültig, solange die Dramaturgie passt. Was ich jedoch schätze, ist eine gewisse Welthaltigkeit, die den Krimi im Alltäglichen verankert. Doch vielleicht finden Verbrechen ja tatsächlich nur in einer Parallelwelt statt, in der niemand ungeschminkt in Socken die Tür öffnet. Dann könnten wir uns sicher fühlen.

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7 Antworten zu Die drei großen Rätsel der TV-Krimigeschichte

  1. dchubbard2012 schreibt:

    Tolle Fragen! So ähnlich zu: Warum haben die Hausfrauen in den 1950iger Jahren immer schöne Kleider, Schmuck und hochhackige Schuhe beim Teppichsaugen getragen?So war das wenigstens in den TV Sitcoms.

  2. Isa Schikorsky schreibt:

    Sehr schön beobachtet. Es gibt aber auch die genau entgegengesetzte, ebenso klischeehafte Szene: Hochhaussiedlung, Mutter mit rosa Flauschanzug und ebensolchen Pantöffelchen, ein schreiendes Baby auf dem Arm und ein Kleinkind daneben, Zigarette im Mundwinkel, dahinter im Wohnzimmer plärrender Fernseher …

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      … die rauchend eine Dose Ravioli in den Topf leert und nach Kevin ruft. Du hast völlig recht, Klischees sind überall zu finden. Die Jahrhundertwende-Villen mit ehrwürdiger Bibliothek sind natürlich nichts anderes. Aber sind Stöckelschuhe daheim ein Klischee?

  3. Philipp Elph schreibt:

    Ich hab’s an anderer Stelle schon geschrieben: Ich liebe knirschenden Kies in Kriminalromanen. Meine Sammlung ist inzwischen wesentlich umfangreicher als im Post beschrieben. ( Seit einiger Zeit begeistert mich aber auch „Schmatzender Schlamm“. Dies Formulierung hörte ich, als Franziska Franke aus ihrem neuen Kriminalroman „Die Halskette“ las).
    Hier aber der knirschende Kies: https://krimilese.wordpress.com/2014/11/17/wenn-der-kies-im-krimi-knirscht/

    • gudrunlerchbaum schreibt:

      Gut beobachtet. Deine Liebe kommt allerdings in dem Artikel für mich nicht so heraus 😉
      Ich selbst bemühe mich ja solche klischeehaften Formulierungen aus meinen literarischen Texten rauszuhalten und bin sicher, dass es mir nicht durchwegs gelingt.

  4. Wortman schreibt:

    Das hast du gut gesehen und formuliert. Gerade die „Dame des Hauses“ fällt doch immer im Galopp ins auge. Natürlich will man keinen „natürlichen“ Realismus aber ganz so extrem muss es nun auch nicht sein.

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