Von Flöhen und freundlichem Feindkontakt

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Wer mit Hunden schläft, wacht mit Flöhen auf, benachrichtigte mich eine  Facebook-Bekanntschaft. Ich sei verseucht und für ihn daher als „Freundin“ nicht mehr akzeptabel. Da bei echten Flöhen ein Wirtswechsel über das Internet ausgeschlossen ist, versteht sich, dass die Hunde, mit denen ich angeblich zu intimen Umgang gepflegt hatte, metaphorischer Natur waren.

Im Rahmen einer regionalen Lesungsreihe hatte ich aus meinem Buch Lügenland an einem der Handlungsorte der Geschichte am Mondsee gelesen. Die Kulturausschussvorsitzende dieses Ortes gehörte zufällig der FPÖ an. Nicht nur das, sie setzte sich auch im Vorfeld mit voller Kraft dafür ein, möglichst viele Zuhörer für die Veranstaltung zu begeistern. Seit Erscheinen des Buches hatten Veranstalter in Deutschland und Österreich  Störaktionen Rechtsextremer befürchtet. Nun trommelte ausgerechnet eine von ihnen für mich und mein Buch. Ich würde also einem Publikum, das vermutlich zum Teil aus Anhängern der FPÖ bestehen würde, meine Rebellinnengeschichte aus einem rechts-repressiv regierten Österreich der nahen Zukunft vorlesen. Was für mich nach spezieller Ironie und typisch alpenländischer Groteske klang, war für den Hundefloh-Experten Verrat an der Sache der Linken.

Hätte ich mich von der FPÖ zu einer von ihr organisierten Lesung einladen lassen? Wohl nicht. Doch diese Vorstellung ist ohnehin abstrus, da sich das Buch so eindeutig gegen das rechte Narrativ wendet, dass mir keine Möglichkeit einfällt, wie man es für gegenteilige Zwecke instrumentieren könnte. Meine Lesung war, wie die anderen drei Veranstaltungen dieser Reihe, im Rahmen eines EU-geförderten Projektes von der Kulturinitiative Mundwerk und den österreichischen KrimiautorInnen in Zusammenarbeit mit örtlichen Veranstaltern organisiert worden. Ich sah keinen Grund, mich nicht einem Publikum zu stellen, das diesmal eben etwas weniger wohlwollend sein würde, so meine Erwartung.

Tatsächlich war die Lesung ein Erfolg. Überwiegend mucksmäuschenstill – was angesichts des fehlenden Mikros auch notwendig war – lauschten mir die knapp 50 Zuhörer. Als ich zwischendurch von meiner Patenschaft für ein Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan und über meinen Heimatbegriff sprach, hörte ich leises Murren und meinte, eine kühle Welle zu spüren. Die Einführung des vor Ort spielenden Handlungsteils glättete die Wogen. Ja, es wurden nur etwa sieben Bücher verkauft an diesem Abend und den Frage- und Diskussionsteil würgte die Kulturausschussvorsitzende geschickt mit Veranstaltungshinweisen ab. Aber die Stimmung war insgesamt positiv und mindestens zwei Menschen lesen nun ein Buch, das gegen den Strich ihrer üblichen Lesegewohnheiten geht. Vielleicht denken sie sogar darüber nach.

Immer wieder höre und lese ich in letzter Zeit, man dürfe nicht mit Rechten, mit Islamkritikern, Migrationsskeptikern usw. diskutieren, man müsse sich eindeutig positionieren und Punkt. Ich bin sicher, auf der anderen Seite hört man über die Linken dasselbe. Ein trennender Graben scheint die Mitte gefressen zu haben, flankiert von einander gegenüberstehenden Fraktionen, die stumm auf großen Schildern ihre Glaubenssätze vor sich hertragen und eher bereit scheinen, sich diese gegenseitig über den Schädel zu ziehen, als miteinander zu reden. Und jede Seite weiß, dass sie Recht hat, kritische Kommentare oder gar Diskussionen nicht erwünscht. Wie auf Facebook, wo gefühlt immer mehr User ihre Postulate in die Runde werfen und allergisch auf jede Frage reagieren, sei sie noch so harmlos. Likes und Herzchen oder solidarische Wut-Smileys müssen reichen. Der kritische Geist darf sich mit einem Wow austoben. Gleichzeitig werden allerorts die Blasen beklagt, die uns in eine Meinungs-Monokultur zwingen. Zwingen? Sperren wir uns nicht selbst immer entschlossener dort ein?

Eine eindeutige Positionierung auf beiden Seiten kann auch ein Ausgangspunkt für eine fruchtbringende Diskussion sein, die im Minimalfall Verständnis für das Gegenüber und im Optimalfall eine Annäherung erzeugt. Was, zum Teufel, ist mit der Dialektik passiert? Wurde sie wirklich vom Malstrom des untergehenden Kommunismus in die Tiefe gerissen? (Dann wäre diese melodramatische Formulierung durchaus angebracht.)

Natürlich gibt es Extremisten, mit denen sich nicht diskutieren lässt und rechtsradikale Wortführer gehören oft dazu. An Demokratie und Meinungsvielfalt ist vielen von ihnen erklärtermaßen nicht gelegen und das ist der wesentliche Grund, warum ich mich ihnen entgegenstelle.

Das trifft jedoch nicht notwendigerweise auf alle ihre Wähler zu. Aufgrund einer anderen Interpretation ihrer Wahrnehmung der Welt sind sie zu Schlüssen bezüglich der Bewältigung aktueller Probleme gelangt, die von meinen abweichen. Darüber lässt sich diskutieren, solange man sich selbst der Tatsache bewusst ist, dass man auch nicht mehr zustande bringt, als die Wirklichkeit auf einer möglichst umfassenden Informationsbasis zu interpretieren. Dieser alte Hut gehört den vermeintlich Wissenden auf allen Seiten endlich aufgesetzt, garniert mit einem ermutigenden Schulterklopfen. Man sollte sich nicht allzu verzweifelt am Beckenrand alter Gewissheiten festklammern, ruhig mal ein paar Züge schwimmen (mit Hut) und schauen, wie die Welt von dort aussieht.

Und deshalb lese ich vor Leuten aller politischen Lager und rede auch gern mit ihnen. Um die Frage einer Kollegin hier zu beantworten: Natürlich würde ich auch eine Einladung der katholischen Kirche annehmen, obwohl ich selbst ungläubig bin. Meine einzige Bedingung ist gegenseitiger Respekt und ein echtes Interesse am Austausch. Ich unterhalte mich mit dem FPÖ-wählenden Handwerker, der keine einzige Grün-Wählerin in seinem Bekanntenkreis hat und nie gedacht hätte, dass eine solche auch ganz vernünftige Sachen sagen kann. Er wird deshalb bei nächsten Wahl nicht anders entscheiden. Aber irgendwann passiert vielleicht etwas, das ihn zweifeln lässt und dann hat er schon mal von einem (sympathischen!) Menschen gehört, das man auch anders denken kann.

Ich verbiege mich nicht, ich rede niemandem nach dem Mund. Aber ich rede mit allen.

 

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3 Antworten zu Von Flöhen und freundlichem Feindkontakt

  1. evelyne w. schreibt:

    liebe gudrun,
    ich kann dir nur beipflichten. mit einem solchen werk kann man sich von der „gegenseite“ gar nicht instrumentalisieren lassen.
    und dialogbereitschaft, bzw. seine meinung auch zu vertreten, wenn nicht nur jasager anwesend sind, gehört zur authentizität!
    gratuliere dir zu deiner entscheidung und zu deinem mut. denn der gehört ja auch dazu.
    lg evelyn

  2. 500woerterdiewoche schreibt:

    Du hast ja so recht. Klar gibt es Leute, mit denen man nicht reden kann, weil sie gar nicht reden wollen. Aber diejenigen, die zum Reden und Zuhören bereit sind: Mit denen MUSS man doch reden!

    Was soll es denn bringen, wenn sich alle in ihrer kleinen „Ich hab recht und die anderen sind sowieso zu dumm, das zu kapieren“-Burg verschanzen und die Zugbrücke hochziehen? Das schreckt doch nur ab. Und diejenigen, die vielleicht noch zweifeln oder Fragen haben, gehen dann entweder in die Burg, die noch am einladendsten aussieht – und das ist nun mal zum Beispiel diejenige, die öffentliche Lesungen veranstaltet… Oder sie wenden sich ganz ab, sagen sich, dass Politik sowieso nur Ideologie ist und ziehen sich aus der Demokratie zurück.

    Demokratie lebt vom miteinander reden. Auch und gerade dann, wenn man sich nicht einig ist.

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