Kirschen oder die Suche nach der Mitte

Heute kam wieder ein Leser-Mail mit der Frage, warum meine Charaktere denn so abseitige Figuren am Rande der Gesellschaft und nicht ganz normale Menschen sein müssten. Die Frage ist nicht unfreundlich gemeint, so mein Eindruck.

Am Rande der Gesellschaft, Außenseiter – auf diese Einschätzung treffe ich immer wieder in den Reaktionen auf Wo Rauch ist. Das legt nahe, dass ich da einen blinden Fleck habe. Für mich sind meine Protagonisten nämlich ganz normale Menschen, schon weil es ganz normal aus meiner Perspektive nicht gibt. Auch unter den Leuten, die ich im realen Leben kenne, fällt mir kaum eine oder einer ein, den oder die ich als ganz normal bezeichnen würde. Und dass es so wenige sind, macht sie erst wieder zu etwas Besonderem.

Wer bestimmt, was die Mitte ist und wer am Rand steht? Und warum? Ist – um bei den Figuren meines Romans zu bleiben – ein Akademiker, der als Grabredner arbeitet „abseitiger“ als einer, der als Taxifahrer oder Kellner jobbt? Kann eine Behinderten-Assistentin nicht ebenso eine Gefängnisstrafe abgesessen haben, wie der Installateur im Nachbarhaus? Sitzt eine Buchhändlerin gar am Rand der Gesellschaft, weil sie auf den Rollstuhl angewiesen ist?

Wer ist die Mitte der Gesellschaft, wenn es eine Buchhändlerin nicht dorthin schafft? Dürfen es sich dort beispielsweise ausschließlich depressive Buchhalter und sportfanatische Bankangestellte bequem machen? Oder auch Medizinerinnen oder Krankenpfleger? Oder nur, wenn sie das klischeekonforme Geschlecht aufweisen? Was aber, wenn sie drogensüchtig sind, um ihren Job zu bewältigen – normal oder nicht normal? Sind Krankheiten in der Mitte erlaubt, eine andere Hautfarbe, eine andere Sprache? Stehen eine lesbische Lehrerin, ein schwuler Fußballstar, ein körperbehinderter Minister oder ein alkoholsüchtiger Software-Architekt in der Mitte oder am Rand der Gesellschaft?

Ich frage mich, was Leute sonst so denken, die sich in der Mitte und die anderen am Rand wähnen. Denken sie – zugegeben, anders als meine Charaktere – immer nur geradlinig und gesetzeskonform, wünschen niemandem Böses, kämpfen nicht für das Gute und fluchen nie, sind immer diplomatisch? Oder möchten das gerne von sich glauben? Ich würde wirklich gern mal über diese Normalen schreiben. Wenn sie sich so sehr von den Menschen, die ich sehe und kenne, unterscheiden, sind sie womöglich total spannend, weil anders.

Doch schon stoße ich auf das nächste Problem: Bei Nachfrage will dann wieder niemand normal und jede(r) was Besonderes sein … Ist die Mitte also vielleicht nur ein kleiner Stein in der saftigen Kirsche des Außenseitertums?

Meldet euch gerne, ihr normalen Normalen und schreibt mir, was ihr über euch lesen wollt! Ich bin neugierig.

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2 Antworten zu Kirschen oder die Suche nach der Mitte

  1. Ryek Darkenerr schreibt:

    Interessanter Gedankengang. Vielleicht ist „Normalität“ in diesem Zusammenhang zum einen das, was ich erwarte, wie mir unbekannte Menschen zu sein haben. Und zum anderen die Art und Weise, wie ich mit anderen Menschen umgehe, sobald ich sie kennengelernt habe. Offensichtlich sind Individualität und Normalität nicht synonym. 😉

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