Unterwegs mit Anne Goldmann

Am 11. Oktober, genau einen Monat vor ihrem 60. Geburtstag, starb meine Freundin Anne Goldmann. Der Tod kam ungelegen, doch ich bin überzeugt, sie ist ihm auf Augenhöhe gegenübergetreten.

Anne war eine exquisite Schriftstellerin und es ist ein Trost, dass in ihren Texten vieles von dem weiterlebt, was ihr eigen war: Ihr genauer Blick, der einen manchmal regelrecht zu sezieren schien. Ihre urteilsfreie Empathie. Ihr scharfzüngiger Humor. Ihre Ruhe. Ihre unbeirrbare Menschenfreundlichkeit. Ihre Wut auf ungerechte Verhältnisse. Ihre Nachsicht mit den Scheiternden. Ihre Strenge gegenüber den Mächtigen.

Über einen Menschen etwas zu erzählen bedeutet, ihn in Beziehung zu sich selbst zu setzen. Kennengelernt haben wir uns 2016, als sie zur Präsentation meines Buches kam. Vorsichtig sind wir einige Wochen darauf unser erstes Treffen angegangen, sind uns gegenübergesessen im Café Ritter in Wien-Ottakring, haben uns mit Blicken und Worten abgetastet, bis das Gespräch zu funkeln anfing und, so schien es, gleich am ersten Abend alles offen auf dem Tisch lag, was uns ausmachte. Eine bunte Vielfalt von gegensätzlichen Persönlichkeiten, gemeinsamen Anschauungen, unterschiedlichen Lebenssphären, Gelächter, Erschütterungen und Poesie.

Mit meiner Aufnahme in die feministische Autorinnengemeinschaft Herland, die Annes großes Herzensprojekt war, intensivierte sich unser Kontakt. Selten verging ein Monat, ohne dass wir uns trafen oder mindestens ausführlich telefonierten oder schrieben. Als 2018 unsere Romane beinahe zeitgleich bei Argument_Ariadne erschienen teilten wir über Monate oft täglich Aufregungen wie Erfolgsnachrichten. Auf den langen Reisen zu den Herland-Kolloquien nach Kaiserlautern und Potsdam versäumten wir einmal ob einer engagierten Diskussion über unserem Flughafen-Frühstück beinahe unseren Flieger. Ein anderes Mal stiegen wir auf der Rückreise im Gespräch eine Station zu früh aus dem Zug, um erst nach einer Dreiviertelstunde festzustellen, dass wir dort noch ewig auf unseren Anschlusszug hätten warten können. So war das mit Anne. Kopf und Herz konnten noch so voll sein nach drei Tagen intensivster Diskussionen – der nächste Gedanke musste immer noch raus, wollte beantwortet, die Antwort wiederum geprüft werden. In einem waren wir uns immer einig: jeder Mensch verdient Respekt und es gibt keinen Grund, sich über andere Menschen zu erheben. Keinen.

Seit eineinhalb Jahren konnten wir uns nicht mehr sehen, da sie wegen einer chronischen Krankheit von der Pandemie zu weitgehender Beschränkung ihrer Kontakte gezwungen war. Zuletzt wurden Mails und Telefonate spärlicher, klangen müder. Eine ihrer letzten Zeilen an mich war: „Ich bemühe mich – wie wohl alle.“ Also – bemühen wir uns, alle! Und vertrauen darauf, dass die anderen es auch tun.

Nachdem ich von Annes Tod erfuhr, hatte ich einen Traum von einem großen Vogel in einer vertrauten Wohnung, dem ich ein Fenster öffnete, durch das er ohne zu zögern in den Himmel flog. Ein Bild, wohl zu abgedroschen, als dass wir es in einem unserer Romane verwendet hätten. Doch Träume kommen unlektoriert.

Ich bin dankbar, dass wir diese Zeit miteinander genießen konnten, uns gegenseitig einen Platz eingeräumt haben in unseren durch Familien und langjährige Freundschaften erfüllten Leben. Ein Leo der gegenseitigen Inspiration, in dem politische Diskussionen und Privates ebenso ineinandergriffen wie Philosophisches und, ja, sogar ein Kuchenrezept, mit dem die Wirtstochter Anne für Überraschung bei ihren Gästen gesorgt hatte. Und diesen Kuchen werde ich jetzt backen.

Anne Goldmann

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